Pillars - Attacker Remixes

Vor ein paar Wochen habe ich euch PILLARS vorgestellt, eine junge Künstlerin aus London, die mich mit ihrem Song Attacker sofort auf ihre Seite bringen konnte. In den letzten Wochen kamen vier Remixes rein, die auch nicht von schlechten Eltern sind.

Pillars - Attacker Remixes

Deafkid addieren auf die geloopte, zuckersüße Gesangsspur von PILLARS Synthies und einen treibenden Beat und rendern das Ding dadurch überaus tanzbar.

Eher düster geht es im Remix des Melbourner Berliners Vacant Lake zu: Schleppende Basssynthies, tiefer gepitchter Gesang, niedrige BPM. Deutlich näher am Original, vielleicht eine Spur nachdenklicher.

JustLeroy aus Manchester macht mit Autotune, Sägezahnwelle und Supercut endgültig eine Elektro-Nummer aus dem Song, kann mich aber in dem Feld am wenigsten überzeugen.

Eine richtig abgefahrene Nummer wird bei Bernard + Edith, ebenfalls Manchester, aus dem Song. Der vornehmlich rückwärts abgespielte Text lässt mich zusammen mit den Synthie-Pizzicato schwer an japanische Superpopmusik à la Omodaka denken, geht es noch jemandem so?

Matthias Schmidt, n z Kommentieren d

Das Weiße Pferd antwortet.

Guten Abend! Übermorgen erscheint das Album "Münchner Freiheit" von Das Weiße Pferd – deshalb und überhaupt gibt es jetzt ein TF Interview. Lesen Sie: Zwei ordentliche Antworten auf zwei ordentliche Fragen, fünf Reaktionen auf Schlagworte, und drei Musikempfehlungen gegeben von Pico Be, Sänger der Gruppe.

Das Weiße Pferd antwortet.

TF: Stadt, Amerikas

Be: In Philadelphia kauften wir uns Kaugummi, in Chicago spuckten wir ihn aus. In Austin, Texas, waren wir so stoned, jedes Wort wog wie ein Felsblock, in Kansas City dachten wir, wir seien John Lennon, der singt er sei in Kansas City, dabei wars Paul McCartney, und in Iowa wusste keiner wer er war. Die amerikanischen Städte sind öde, das weiss jeder. Deshalb erfand man Hollywood. Um die Illusion einer amerikanischen Stadt zu kreieren, und auf der ganzen Welt in Bildergeschichten neue amerikanische Städte entstehen zu lassen, in denen die Menschen den amerikanischen Traum lebten. In Paris war Amerika ganz anders, eher klein und klobig, und in München dachte man: Der wilde Westen geht vor bis zur Ampel, hier ist jeder nur ein kleiner Großstadthampel. Da war dann die amerikanische Stadt wieder ganz groß im Kopf. Den alten Großstädten am Mittelmeer versuchte Hollywood viele Jahre lang Konkurrenz zu machen. Auf der arabischen Halbinsel wiederum wähnten wir uns in Los Angeles: In amerikanischen Autos hockend in der prallen Sonne fahren und auf einstöckige Bungalows kucken, in Erwartung, dass irgendwo hinter den Vorgartenmauern was los war. Aber nichts war los.

TF: Pferd

Be: Wir saßen in Casablanca im Teehaus, im TV lief ein Beitrag über Vierzig-Jahre-Easy-Rider, und in der Zeitung lief ein Pferd der Pariser Garde die Champs-Élysées entlang, es war ausgebüchst und galoppierte kilometerlang, ohne Halt bis zur Bastille, wo es schließlich zum Stehen kam. Eine schöne Lektüre. An jenem Nachmittag liessen wir dort, am Strand der afrikanischen Westküste, auch die Pferde galoppieren, und abends sahen wir einen Film von der amerikanischen Westcoast – 'They Shoot Horses, Don't They? – aus dem Jahr 1969, während der Muezzinruf dort, in der Stadt, die 'Weißes Haus' heisst, den Raum durchdrang und so blechern klang wie die Megaphonstimmen von der Galopprennbahn München, Riem. Im Pensionszimmer entstanden dann die ersten Songs zu dem Album 'San Fernando'. So ging es los mit Das Weiße Pferd.

TF: Schusswaffe

Be: Schusswaffen sind – ebenso wie Autos – für Kinder und für Rentner sehr attraktiv. Man muss sich nicht groß bewegen und glaubt schnell und stark zu sein. Wir gehen lieber zu Fuß. Und tragen keine Knarre. Wir nehmen die Gitarre.

TF: Romantik

Be: Ein Modebegriff wie Punk – beide Begriffe sind im Lauf der Zeit gänzlich von ihrer ursprünglichen Anwendung entkoppelt worden und stehen heute auf der Seite derer, die für das Gegenteil von dem stehen, wofür die Begriffe zum Zeitpunkt ihrer Prägung standen. Im Speisewagen der Deutschen Bahn kann man erfahren, dass der 'Koch-Punk Marquard' einem ein besonders exquisites Süppchen präsentieren wolle, während uns eine völlig biedere Filmproduktion über die irren Wirrungen eines Brautpaares am letzten Abend vor der Hochzeit als 'Romantic Comedy' etikettiert vorgesetzt wird. Der Begriff 'Romantik' ist so spannend wie ein Hausschuh.

TF: Song

Be: Ein guter Song ist wie eine Zauberformel, die für die Dauer des Songs unser Dasein bestimmt. Eine Diktatur der Gefühle und des Denkens. Die einzige Diktatur, der wir uns gerne unterwerfen, eine drei-Minuten-Diktatur. Jede gute Band hat im Grunde genommen nur einen Song, den sie variiert. Ein guter Song braucht einen prägnanten Text und einen eigenen Beat. Die Melodie ergibt sich aus diesen beiden Komponenten. Ein guter Song braucht seine eigene Zeit.

TF: Wie hat Das Weiße Pferd „Münchner Freiheit“ aufgenommen?

Be: Im Frühjahr 2014 waren wir zwei Wochen in Alberts Studio auf Teneriffa. Das liegt in einem verlassenen, fast unbewohnten Bergdorf. Dort nahmen wir Demo Takes von allen Songs auf. Arbeitstitel war "El Fantasma de la Libertad / Das Gespenst der Freiheit". In München gingen wir dann ins Studio und produzierten das Album in wenigen Wochen. Gemessen an der Dauer, die wir für "Inland Empire" und "San Fernando" im Studio zubrachten, ging es ziemlich schnell, aber wir sind acht Leute, das dauert. Albert war Aufnahmeleiter und Tonmischer in einer Person, ich war sein Beifahrer.

TF: Was macht Anna McCarthy?

Be: Anna ist fast ein Bandmitglied. Sie gestaltete schon unsere letzten beiden LP Cover, diesmal ist sogar ihre Stimme auf der Platte zu hören – bei 'Teutsche Machos', zu deren Text sie mich auch inspirierte. Sie erzählte mir von einem Abendessen mit einem sehr bekannten Filmproduzenten, während dem dieser seine Frau mit zotigen Wörtern öffentlich gedemütigt habe. Auch darüber, dass Künstlerinnen in Deutschland ein noch schlechteres Standing hätten als in den meisten anderen europäischen Ländern, klärte sie mich auf. Das Cover, das Anna diesmal anfertigte, geht wiederum auf meine Idee zurück, diesmal nur mit reinen Schriftbildern zu arbeiten, aber ihre Umsetzung, mit jedem einzelnen Song davon im Booklet, ist der totale Hammer. Ohne Anna McCarthy wäre München ein schrecklicher Ort.

TF: Bitte drei Musikempfehlungen!

Be: Das Hobos"This Is The Place" die atmosphärisch dichte Landscape Musik von „This Is The Place“ liegt mit ihrer Tiefenunschärfe und der Field Recording Ästhetik ziemlich nah bei „San Fernando“. Ein eigenes Raum–Zeit-Kontinuum mit dem Mythos der Wanderarbeiter im Background haben die Augsburg Münchner hier geschaffen. Entschleunigung pur. Mit dieser total geil entspannten Version von Grand Master Flash's 'White Lines'.

Embryo"Rocksession" anders als der Titel vermuten lässt, ein Psychedelic Jazz Album aus der Anfangszeit der Münchner Krautrock–Pioniere. Damals, 1973, war Mal Waldron an den Tasten dabei. Kein Song–Album, aber eine ganz schöne Zeitreise.

Der Nino aus Wien"Träume / Bäume" Mit dem Nino aus Wien sind wir schon ziemlich lange befreundet. Sein erstes München Konzert fand vor nicht ganz einem Dutzend Zuhörern statt, und ich gab als Support solo mit akustischer Gitarre den Song 'Abtauen Girl' zum Besten. Ein Fiasko, aber der Nino–Band schien es gefallen zu haben. Jahre später noch erzählte er mir, dass die Band den Song auf ihren Touren gerne im Auto trällerte, und dann coverten sie den Song tatsächlich auf 'Träume', dem bislang rockigsten Nino Album mit lauter tollen Ohrwürmern. 'Bäume' wiederum ist vielleicht sein poetisches Meisterwerk.

TF: Herzlichen Dank, Pico Be, und alles Gute für Das Weiße Pferd!


Die Band ist auf Facebook zu finden und hat eine eigenen Seite.

Thomas Schamann, n z 1 Kommentar d

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München im post-atomaren Zeitalter

Es muss im Frühjahr 2006 gewesen sein, als die ansonsten meiner Erfahrung nach weitestgehend einwandfrei arbeitende Tür des Atomic Café mal nicht aufpasste.

München im post-atomaren Zeitalter

Die Tür des Atomic Café (Bild: Gesa Simons, Atomic Café Fotostrecke)

Das Atomic war damals gerade 9, ich 17 Jahre alt geworden - neun Jahre später kann ich mich noch sehr lebhaft an den Abend erinnern. Flankiert von zwei "Wingmen" aus den Reihen von Kafkas Orient Bazaar schaffte ich es an einem lauen Mittwoch Abend zum ersten Mal unerlaubt am gestreng dreinblickenden Türsteher vorbei ins Atomic Café.

Drin legte, wie könnte es anders sein, Sir Hannes auf, gespielt wurden unter anderem The White Stripes, Franz Ferdinand, Arcade Fire, Spoon, LCD Soundsystem, Art Brut, The Libertines und The Futureheads - das weiß ich noch so genau, weil ich mir am nächsten Tag einige Songs via Limewire raubkopieren, damit eine Atomic-Playlist anlegen und auf meinen iPod ziehen musste. Dort chillt sie nach wie vor und wartet darauf, mal wieder gespielt zu werden - vielleicht ist es ja jetzt soweit.

München im post-atomaren Zeitalter

Die Atomic Café Playlist auf meinem ollen iPod

Darauf folgten einige Reinfälle - wie gesagt, die Tür machte einen guten Job - und ein Jahr später dann sehr regelmäßige Besuche, gern zum Britwoch aber vor allem zu den vielen wirklich sensationellen Konzerten, die dort in intimer Atmosphäre stattfanden.

Um unter dutzenden besuchter Konzerte im Atomic Café nur ein paar zu nennen, die ich auf Tapefruit verarbeitet habe: Junip, Menomena oder Casiokids habe ich mir zum Beispiel dort angehört, ein Interview mit den Crystal Fighters geführt, die Wombats (die im April mit neuem Album Glitterbug rauskommen) hätte ich 2010 gern gesehen, das Konzert fiel dann leider ersatzlos aus...

Seit Anfang des Jahres nun ist das Atomic Café endgültig geschlossen, dieses wirklich und wahrhaftig kostbare Stück Münchner Kultur. München tritt in das post-atomare Zeitalter ein, sogar der Fallout-Schnee ist schon wieder geschmolzen.

Die Abrissbilder sind herzzerreißend traurig, haben aber gleichzeitig eine seltsam hypnotische Wirkung auf mich - ich gerate bei der Betrachtung sofort ins Schwelgen...

München im post-atomaren Zeitalter

Kürzlich habe ich noch genau hier getanzt... Bild: Christian Heine

Wollen wir nun unseren Blick auf die Zukunft wenden. Was wird uns vom Atomic Café erhalten bleiben? Was wird aus seiner Asche neu entstehen?

Im Gespräch mit den beiden Atomic-Besitzern Christian Heine und Roland Schunk sowie einigen der Resident DJs erhält man erste Antworten:

Christian Heine ist voller Tatendrang. Die über die Jahre geknüpften Kontakte möchte er nicht verschwenden, darum hat der die Konzertagentur Constant Mesh gegründet, Bookings für The Wombats (27.03.2015, Tonhalle, wer weiß, villeicht kommen wir ja diesmal zusammen) und Sleaford Mods (28.04.2015, Milla) liegen schon vor. Ausserdem wird an einem Nachfolger des Britwoch gefeilt, der erste Gift Shop - Indiepop till you drop mit Bavarian Mobile Disco findet am 4. Februar statt. Und irgendwie tät ihn ein neuer Laden dann doch auch wieder jucken - diesmal aber kein Nachtclub sondern wohl eher eine Tagesbar.

München im post-atomaren Zeitalter

Roland Schunk und Christian Heine bei der symbolischen Schlüsselübergabe

Roland Schunk lässt die Sache etwas gemütlicher angehen - wenn alles klappt, soll 2015 erst mal ein Babyjahr werden, gelegentlich wird er aber wohl seine Vinylsammlung hervorzaubern und irgendwo in München zum Besten geben. Der Musikbranche bleibt auch er auf jeden Fall treu.

In einigen neu auftauchenden Partyformaten kann man ehemalige Atomic Café-Reihen erkennen, Let's go in '69, vorgestern zum ersten Mal in der UnhaltBAR gestiegen, folgt auf Deeper Shade, the smart club. bleibt gar beim gleichen Namen und zieht mit Innocent Boys und Phillinger ins Muffatcafé. Und dann gab es ja gestern auch noch Friday I'm in Love mit Team Trouble im m.c. mueller...
Musikalisch bleibt uns also Einiges erhalten.

Am Großteil der legendären Einrichtung des Atomic Café erfreuen sich heute die Privathaushalte der beiden Besitzer und einiger langjähriger Gefährten. Aber auch das BieBie, das neue Projekt von Zwischennutzerin Zehra Spindler (Puerto Giesing und Art Babel sollten ein Begriff sein) in Freimann hat einige Sitzgelegenheiten geerbt - mehr zum BieBie folgt in den nächsten Wochen!

Zu guter Letzt sei noch ein schönes Projekt erwähnt: Heike Schuffenhauer und Marc Seibold finanzieren gerade per Crowdfunding auf startnext einen Dokumentarfilm über das Atomic Café. Schauen Sie rein, noch wird Geld gebraucht.

Matthias Schmidt, n z Kommentieren d