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1115 - »Post Europe«

Format: 12" LP / CD
Release Date: 09. Juni 2017
Label: Alien Transistor
im Vertrieb von Morr Music

1115 - Post Europe

Lasst, die Ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!

Dante Alighieri


Die Besten unter den Armen sind niemals dankbar. Sie sind undankbar, unzufrieden, unbotmäßig und aufsässig. Sie haben ganz recht, so zu sein!

Oscar Wilde


Die Eingeweide spannen sich, dehnen sich bis zum Platzen und reissen auf. Alte Schmerzen, die sich tief in sie hinein verkrochen und in die entlegenste Hautfalte hineingewickelt hatten, um dort von ewiger Dunkelheit gehütet zu werden, sie werden wimmernd und jaulend ausgewunden.1 Und der Menschheit ganzer Jammer heult aus der Tiefe des Schalltrichters herauf: Europa... du wieherndes Gespenst! Europa... Verdammnis dieser Erde!2

Aber, wer oder was rollt und grollt denn da so markerschütternd? Der erste Höreindruck mag die verwunschene Klangwelt eines übernächtigen Solisten in Sachen elektronischer Musik suggerieren, doch 1115 sind ein Duo: FEHLER KUTI und GREY liefern uns eine Soundvision, wie sie nur in der Synthese aus der Arbeit zweier radikaler Geister entstehen kann, denken wir nur mal an das Aufeinandertreffen bei Suicide, Yello oder The KLF: Jedesmal ein Pop–Urknall aus conceptual art und Körpermusik.

In der Verschmelzung von FEHLERS lautmalerischen Vocalspuren und den Bass/Orgel/808-Drummachine–Elementen von GREY zu einem integralen Klangbild, dessen Werkcharakter an den Aufnahmeprozess gebunden ist, haben wir eine afrofuturistische Musique concrète vorliegen, die in ihrem psychedelischen Wirkungsgrad kaum härter sein könnte. Völlig hypnotisiert glauben wir irgendwann ein altes Instrumentarium zu hören, verlorengegangen auf einer Schiffspassage im Ozean. Flöten, Spinett und Oboen, die sich im Heliumsdunst aus dem Fegefeuer heraus dem Licht entgegenschrauben. People Get Ready.

Der Plot der vermeintlichen Instrumentalmusik ist, kurz gesagt, eine Geschichte der "Unsichtbarkeit"3 – und wie diese als Negation und Auslöschung erlebte Unsichtbarkeit über die Erfindung4 einer neuen Sprache einen "visuell hörbaren" Ausdruck verliehen bekommt.

Zunächst, um sich zu vergewissern, Teil allen Lärms und aller Qual zu sein5, haben die beiden phantasmatischen Klanghexer eine Überdosis überliefertes Wissen an Black-Atlantic–Kollektiverfahrungen6 hinuntergeschlungen7. Das Säurebad8 der Magensäfte verleiht den Negativbelichtungen der Unsichtbaren erste Konturen, und ein Generationen übergreifendes Gruppenfoto ward erbrochen. Doch der Musikkadaver beginnt zu pulsieren, verbindet sich mit den Obertonchören und dem ephemeren Engelsstaub deportierter Himmelskinder, und ein neues Sprechen wird geboren.

Ein Sprechen, das der Beschreibung eines mehrschichtig übersprühten9, oder sogar eines gänzlich entfernten10, Graffiti gleicht. In dem es aber tatsächlich um die Schilderung der Existenz von Menschen11 geht, die einst gelebt haben, oder auch jetzt leben. Sei es in der Parallelwelt italienischer Plantagen, deren Früchte in Rewe, Lidl, Tengelmann & Co ausliegen. Sei es im Dschungel von Calais12. Sei es in Abgeschobenheit und sozialer Isolation – das europäische Binnenland, das sich den PoC13 öffnet und zeigt, ist eines, das es gar nicht zu geben scheint.

Folgen wir 1115 auf ihrer Underground Railroad14, so entsteht eine Mythologie, die mit jeder Station plastischer wird, zu kartographischer Gestalt auswächst. Eine faszinierende Raumplastik aus Musik! So, wie FEHLER KUTI seine Stimme einsetzt – ohne jeglichen Gebrauch von Sprache im semantischen Sinne – performt er die Rolle vom Invisible Stranger auf eine nicht ganz unähnliche Weise wie, sagen wir mal, Caetano Veloso in Araçá Azul, oder Miles Davis über seine gesamte Karriere hinweg. Denn wenn man verstanden hat, dass Miles Davis mit seiner Trompete–in–Verlängerung–seiner–Stimme nichts anderes tat, als Geschichten von Rassismus als Geschichten vom Fremdsein in der Heimat zu erzählen, dann hat man Post-Europe verstanden.

Post-Europe ist also nicht "nur" Musik, so wie eine Oper15 auch nicht "nur" Musik ist. Mit einem Tiefensog aus Subtext und Schichtarbeit ziehen 1115 Bahnen durch einen Strom, in dem Kollegen wie Arca und Dean Blunt, Drexciya und Dopplereffekt, oder auch Juan Atkins und Moritz von Oswald, Roland Kirk und Sun Ra, schwimmen und schwammen. Aber die Stimmen des Librettos gehören den Namenlosen, den Nicht–Musikern und Nicht–Künstlern, den Wegradierten und Vergessenen. Den Unsichtbaren.

Wenn wir ganz geduldig dem Phonographen beim Abspielen dieser Musik lauschen16, kommen ungehörte Töne zum Vorschein. Mit der Zeit schälen sich Stimmen heraus, lösen sich deutlich ab. Sagen, was sie zu sagen haben, lassen andere Stimmen sprechen. Und dann ist da auf einmal ein Raum... der sich öffnet, der spricht. Tief in ihm drin erklingt ein uraltes Klagelied, in die unsichtbaren Worte gefasst:

What did I do to be so black and blue?

1115 spielen keine Frontalkonzerte. Sie absorbieren Zeit und Raum!17 Im vergangenen Dezember konnte man sie schonmal auf dem legendären Alien–Disko–Festival in den Münchner Kammerspielen erleben. Und noch vor Veröffentlichung dieses Albums haben 1115 Tourdaten quer durch Europa...

Post-Europe wurde ausproduziert von Markus Acher und Cico Beck (The Notwist, Joasihno). Nach den dominanten Spielregeln des Pop dürfte diese Platte gar nicht existieren.18

Die Sirenen dröhnen schon. Der Tanzboden ist kompostiert. Es geht ja jetzt erst richtig los.

Anmerkung:
Fußnoten sind die Töne, die beim Tanzen fallen.


  • 1: vgl. Miles Davis, Aura, Columbia Records, 1989. Ein Vergleich, anhand dem über den Umweg des Erscheinungsjahres von Aura ein Ereignis aus der Zeitgeschichte zitiert wird: der Mauerfall von 1989. Keine drei Jahre später: die Pogrome von Rostock-Lichtenhagen. Der hässliche Deutsche wird im selben Jahr wieder sichtbar, da sich auf der Geschichtslast des sauvage européen (WWI: 20 Millionen Tote, WWII: 50 Millionen Tote) die EU gründet.
  • 2: In Anlehnung an: Frantz Fanon, Les damnés de la terre, Maspero Paris, 1961, dt. Suhrkamp, 1966 ("...Ganze Jahrhunderte hat Europa nun schon den Fortschritt bei anderen Menschen aufgehalten und sie für seine Zwecke und seinen Ruhm unterjocht; ganze Jahrhunderte hat es im Namen seines angeblichen 'geistigen Abenteuers' fast die ganze Menschheit erstickt....")
  • 3: vgl. Ralph Ellison, Invisible Man, Random House, New York, 1952, dt. S. Fischer, 1954
  • 4: vgl. James Baldwin, The Fire Next Time, Dial Press, New York, 1963, dt. Rowohlt rororo, 1964, ("...dass es für die Schrecken des schwarzen Lebens keine Sprache gibt.")
  • 5: vgl. Ralph Ellison, Invisible Man, in der Übersetzung von Georg Goyert, S. 9
  • 6: vgl. Paul Gilroy, The Black Atlantic, Verso, London, 1993
  • 7: In Anlehnung an: Karl Bruckmaier, The Story of Pop, Murmann, Hamburg, 2014, S. 291
  • 8: Ebenfalls 1989: Der Second Summer of Love – Acid-House landet im U.K. Die Roland TR-808–Rhythmusbox, die GREY benutzt, prägt den Sound ebenso, wie sie zuvor schon Hits von Whitney Houston (1987) und Phil Collins (1981) prägte.
  • 9: Ebenfalls 1989: Inspiriert von der Lektüre von Invisible Man, nehmen Queen einen gleichnamigen Song auf.
  • 10: Oder: Was liefert eigentlich der weltführende Bildbandverlag Taschen für Bilder? Blättern wir einmal den 2013 herausgegebenen Fotoband Wirtschaftswunder durch, so bekommen wir das deutsche Märchen vom deutschen Post-War–Wunder serviert. Weder schwarze GIs noch "Brown Babys" stören das Bild, doch vor allem fehlt sie: die Masse der Millionen Arbeiter, genannt Gastarbeiter, die Deutschlands Wirtschaft aufbauten. Kein einziges Foto der Fabrikarbeiter mag sich hier ihrer erinnern. Da sind sie, die Unsichtbaren. Halt! Auf einem einzigen Foto sehen wir einen einzelnen Farbigen – an der Seite einer deutschen Lehrkraft, die ihm Tafelunterricht gibt. Bildunterschrift: "Deutschland gibt sich weltoffen." Das Foto ist eines der wenigen Schwarzweißbilder in diesem Band.
  • 11: Die aus den afroamerikanisch-deutschen Beziehungen entstandenen etwa 4800 Kinder waren in den Besatzungszonen und später in der jungen Bundesrepublik versteckten und offenen Diskriminierungen ausgesetzt - wie auch ihre unverheirateten Mütter, die häufig als "Negerhure" oder "Gefallenes Mädchen" beschimpft wurden. Sowohl bundesdeutsche als auch US-amerikanische Institutionen wirkten darauf hin, die als skandalös empfundenen Beziehungen aufzulösen. Die Soldaten der US-Armee wurden häufig an weit entfernte Orte versetzt oder auch in den Vietnamkrieg geschickt. Es wurde ihnen nahegelegt, ihre deutschen Partnerinnen und Kinder im Stich zu lassen. Die nicht allein erziehungsberechtigten Mütter wurden von den Jugendämtern, die die gesetzlichen Vormünder der offiziell vaterlosen Kinder waren, gedrängt, ihre Kinder in spezielle Heime für "Mischlingskinder" zu geben und später zur Adoption freizugeben. Als 1952 die ersten Kinder in das Alter der Einschulung kamen, wurde das "Problem der Negerkinder" forciert angegangen. Der Großteil der Kinder wurde in die USA und nach Dänemark deportiert und dort adoptiert. Nicht selten wurden diese Kinder allein zu dem Zwecke adoptiert, um für anstrengende Arbeiten zum Nulltarif ausgebeutet werden zu können. Sobald die Mutter eine Einwilligungserklärung zur anonymen Adoption unterschrieb, hatte sie keinerlei Rechte in Bezug auf ihr Kind mehr und es war ihr verwehrt, jemals nach dem Verbleib ihres Kindes zu forschen oder Kontakt mit ihm aufzunehmen. Hunderte der "Brown Babies" wurden so zu afroamerikanischen Adoptivfamilien in den USA verbracht. Das ganze Programm trug den Titel Brown Baby Plan. ("...dieser Mischlingskinder, denen schon allein die klimatischen Bedingungen in unserem Land nicht gemäß sind. Man hat erwogen, ob es nicht besser für sie sei, wenn man sie in das Heimatland ihrer Väter verbrächte...") Luise Rehling (CDU), Bundestagsdebatte, 12. März 1952.
  • 12: Als Dschungel von Calais (franz. jungle de Calais, engl. Calais jungle) wurde eine Zeltstadt nahe der französischen Stadt Calais bezeichnet, die 2002 gegründet worden war. Im selben Jahr wurde in Großbritannien die erste Staffel von I'm a Celebrity... Get Me Out of Here! ausgestrahlt, jenem TV-Format, das als Dschungelcamp populär werden sollte.
    Der Dschungel von Calais wurde als Geschichte im Jahr 2015 von den Medien erfasst, als die Flüchtlingskrise Thema wurde, und dort 10.000 Menschen auf eine Möglichkeit zur Weiterreise durch den Eurotunnel nach Großbritannien warteten. Im Oktober 2016, drei Monate nach dem Brexit, wurde das Camp geräumt und dann geschlossen.
  • 13: Person of Color (Plural: People of Color)
  • 14: vgl. People Get Ready, geschrieben von Curtis Mayfield, 1965 aufgenommen von den Impressions. Die Lyrics besingen die mythische Underground Railroad, keine Bahnlinie im eigentlichen Sinne, sondern eine geheime Route, die den Sklaven aus den Südstaaten einen Fluchtweg in die Nordstaaten offenbarte.
  • 15: Ras The Destroyer ist nach Boris Johnson der finale Antagonist des Invisible Man (die Figur des Ras ist eigentlich Marcus Garvey). In der deutschen Übersetzung von G. Goyert: Ras der Mahner.
  • 16: vgl. Ralph Ellison, Invisible Man, in der Übersetzung von Georg Goyert, S. 15 ff.
  • 17: vgl. Carl Einstein, Negerplastik, Verlag der Weißen Bücher, Leipzig, 1915. ("...Die Negerplastik absorbiert die Zeit, indem sie Elemente, die wir als Geschichte erleben, in anderen Worten: Aktion und Bewegung, in ihre Form integriert. Perspektive oder übliche Frontalität sind hier verboten...")
  • 18: vgl. zu Beyond Yr Black Ark, dem letzten Titel des Albums: Lee "Scratch" Perry missfiel es immer mehr, bei seinen Produktionen auf fremde Aufnahmestudios angewiesen zu sein, daher baute er ab 1973 in Kingston, Jamaika, sein berühmtes Black Ark Studio. Der Sound unterschied sich in jeder Hinsicht radikal von allen anderen seiner Zeit. Perry behauptete, dass er selbst tatsächlich nur vier Spuren aufnehme, "zwanzig weitere habe ich von der außerirdischen Truppe empfangen (...)" . 1979 ging das Studio unter ungeklärten Umständen in Flammen auf.

Pico Be

Autor: Pico Be

Gastautor bei Tapefruit

Ex-Skinhead. Pacifico Boy. Gründer und Sänger von Kamerakino und Das Weiße Pferd.

Erfinder von Raumsituationen wie No Country For Odd Poets,
Ghost–Album,
Die Anhörung,
Peace & Noise.

Kurator der Rock'n'Roll People, einer auf die Dauer von Fünfzig Jahren angelegten Compilation–Reihe. Discjockey und Tänzer. Bassist bei River. Autor von 365 Filmkritiken.



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