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Vorschläge für nächste Woche

Jede Woche kannst Du einen Song deiner Wahl für die endlose Tapefruit Playlist vorschlagen.

Zwischenstand dieser Woche

Jeden Tag kannst Du für Deinen Lieblings­song stimmen, indem du auf das jeweilige Herz klickst.

  1. Courtney Barnett & Kurt Vile - Over EverythingCourtney Barnett & Kurt Vile - Over Everything
  2. Ars Nova - Walk On The Sand Ars Nova  - Walk On The Sand
  3. The Coathangers - Captain's DeadThe Coathangers - Captain's Dead

Die Liste der Gewinner

Jeden Sonntag ermitteln wir das Ergebnis und der Gewinner wird zur endlosen Playlist hinzugefügt.
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  1. Guantanamo Baywatch - VideoGuantanamo Baywatch - Video
  2. Swans - Finally, PeaceSwans  - Finally, Peace
  3. John Cale - Emily John Cale  - Emily

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Streaming, wem Streaming gebührt

Streaming, wem Streaming gebührt


In einem Seidenkokon mag es lauschig und gemütlich sein. Im Grunde ist man dort aber einfach nur einsam.


Allerorten kann man heutzutage Plädoyers für und wider Musik-Streaming lesen. Die Gegner betonen in der Regel die unfaire Bezahlung von Künstlern und die Überlegenheit herkömmlicher Musikmedien wie CD und besonders Vinyl, vor Allem in Sachen Sound, aber auch Look & Feel - dem stimme ich im Übrigen zu, ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Kinder mit dem gleichen Genuss durch meine Streaming-Timeline scrollen werden, mit dem ich mich durch die Plattensammlung meiner Eltern wühle.

Befürworter führen dagegen meist ins Feld, wie praktisch es doch ist, wenn man gegen knapp 10€ im Monat uneingeschränkten Zugriff auf über 25 Millionen Titel bekommt - und es ist genau das, was mich an Streaming ankotzt.

Vorab: Ich akzeptiere Streaming als eine Möglichkeit, Musik zu konsumieren.

Ebenso wie ich Mäckes als eine Möglichkeit akzeptiere, sich den Wanst voll zu schlagen. Ich akzeptiere diese beiden Kanäle und ich nutze sie auch. Es gibt sogar Situationen, in denen sie mir besondere Befriedigung verschaffen. Aber ich versuche, wann immer Zeit und Geldbeutel es erlauben, hochwertigere, vielfältigere und dadurch naturgemäß aufwändigere Alternativen vorzuziehen.

Streaming, wem Streaming gebührt


Geht es am Ende also doch nur um Look & Feel?


Ich denke, es ist mehr. Für mich verkörpert Musikstreaming einige der grässlichsten Gesellschaftsphänomene unserer Zeit: Verweigerung von Entscheidungen, Massenware und Wegwerfkultur, Performance-Zwang, Ego-Blähung bis zum Tod durch Selfie, Daten- und Algorithmengläubigkeit.

Die Wertschätzung für das Einzelne geht komplett verloren, wenn man Alles zu besitzen wähnt. Mit Streaming-Gebühren kaufen wir uns von der Verantwortung und den Konsequenzen einer Entscheidung frei. Statt 15€ für ein Album zu bezahlen, das uns dann ja vielleicht doch nicht so gut gefallen könnte, zahlen wir lieber 10€ im Monat für den Zugriff auf 25 Millionen Titel - wir können uns dann ja immer noch überlegen, was wir hören. Wir verlieren dabei aus den Augen, dass, wer sich auf nichts festlegt, niemand ist.

Aber es kommt noch dicker: Nicht nur kaufen wir uns von der Entscheidung frei, wir bezahlen dafür, die Entscheidungsgewalt abzugeben.

An einen Computer.

Ausgerechnet an einen Computer.

Computer besitzen nur Logik. Kein Gefühl.

Streaming, wem Streaming gebührt

Wer dieses Bild nur von irgendeiner App kennt, ist ohnehin verloren. Alle anderen, wissen, was ich meine.


Songs, die nicht sofort „performen“ geraten in so einem System sehr schnell in Vergessenheit, dabei sind es doch oft gerade diese Titel, die etwas Sperrigeren, die sich einem nicht sofort erschließen, an denen man die längste und damit kumulativ größte Freude hat.

Exkurs:

Seit jeher ist Musik ein Medium gesellschaftlicher Interaktion. Sei es in ihrer ursprünglichsten Form, als Live-Aufführung; sei es in Form ihrer Wiedergabe vermittels Geräten von Grammophon bis Ghettoblaster; sei es in Form eines Mixtapes für die Angebetete, einer Radiosendung (R.i.P. Musikfernsehen); oder in Form einer DJ-Performance - Musik bringt Menschen zusammen.

Algorithmen, wie sie bei Streaming-Portalen zum Einsatz kommen, tun genau das Gegenteil. Sie vollenden einen Prozess, der mit der Markteinführung des Walkman zärtlich begonnen wurde: Sie schneiden ein Programm für den jeweiligen Nutzer zu. Kapseln ihn und seine Vorlieben in einen Seidenkokon, der mit den Kokons der Anderen einzig zum Zweck des Vergleichs in Kontakt steht. Sie fabrizieren den perfekten Egotrip unter den Musikkonsummöglichkeiten für Hörer, die sich gern langsam im eigenen Saft garen lassen.

Hinzu kommt, dass sich Algorithmen wunderbar unterwandern lassen, um vom Verkäufer, in diesem Falle vom Streaming-Dienst, bevorzugte Produkte hervorzuheben. „Huch, wieso läuft denn jetzt schon wieder die neue Single von Nickelback [← Lesen!] bei Spotify?“ You know why.

Streaming, wem Streaming gebührt

Kurz: Mit Streaming hält man sich alle Türen zum Big Data streamlined All-You-Can-Ego Buffet offen. Willkommen in der Generation Y.


Dieser Artikel erschien vor kurzem in der ersten Ausgabe von Tapefruit-Print, die man an ausgewählten Orten in München finden oder online bestellen kann

Matthias Schmidt

Autor: Matthias Schmidt

mazzekazze@tapefruit.com
Chefredaktion | Booking | Entwicklung

Gründer von Tapefruit. Architekt und Hausbrauer. Betreibt Tapefruit seit 2009 als Chefredakteur, Booker und Program­mierer.

Doktert ansonsten unter dem Pseudonym sigtrygg an verschiedenartiger Musikelektronik herum.



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