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  1. Camille Saint-Saëns - The Swan ( Le Cygne )Camille Saint-Saëns - The Swan ( Le Cygne )
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Streaming, wem Streaming gebührt

Streaming, wem Streaming gebührt


In einem Seidenkokon mag es lauschig und gemütlich sein. Im Grunde ist man dort aber einfach nur einsam.


Allerorten kann man heutzutage Plädoyers für und wider Musik-Streaming lesen. Die Gegner betonen in der Regel die unfaire Bezahlung von Künstlern und die Überlegenheit herkömmlicher Musikmedien wie CD und besonders Vinyl, vor Allem in Sachen Sound, aber auch Look & Feel - dem stimme ich im Übrigen zu, ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Kinder mit dem gleichen Genuss durch meine Streaming-Timeline scrollen werden, mit dem ich mich durch die Plattensammlung meiner Eltern wühle.

Befürworter führen dagegen meist ins Feld, wie praktisch es doch ist, wenn man gegen knapp 10€ im Monat uneingeschränkten Zugriff auf über 25 Millionen Titel bekommt - und es ist genau das, was mich an Streaming ankotzt.

Vorab: Ich akzeptiere Streaming als eine Möglichkeit, Musik zu konsumieren.

Ebenso wie ich Mäckes als eine Möglichkeit akzeptiere, sich den Wanst voll zu schlagen. Ich akzeptiere diese beiden Kanäle und ich nutze sie auch. Es gibt sogar Situationen, in denen sie mir besondere Befriedigung verschaffen. Aber ich versuche, wann immer Zeit und Geldbeutel es erlauben, hochwertigere, vielfältigere und dadurch naturgemäß aufwändigere Alternativen vorzuziehen.

Streaming, wem Streaming gebührt


Geht es am Ende also doch nur um Look & Feel?


Ich denke, es ist mehr. Für mich verkörpert Musikstreaming einige der grässlichsten Gesellschaftsphänomene unserer Zeit: Verweigerung von Entscheidungen, Massenware und Wegwerfkultur, Performance-Zwang, Ego-Blähung bis zum Tod durch Selfie, Daten- und Algorithmengläubigkeit.

Die Wertschätzung für das Einzelne geht komplett verloren, wenn man Alles zu besitzen wähnt. Mit Streaming-Gebühren kaufen wir uns von der Verantwortung und den Konsequenzen einer Entscheidung frei. Statt 15€ für ein Album zu bezahlen, das uns dann ja vielleicht doch nicht so gut gefallen könnte, zahlen wir lieber 10€ im Monat für den Zugriff auf 25 Millionen Titel - wir können uns dann ja immer noch überlegen, was wir hören. Wir verlieren dabei aus den Augen, dass, wer sich auf nichts festlegt, niemand ist.

Aber es kommt noch dicker: Nicht nur kaufen wir uns von der Entscheidung frei, wir bezahlen dafür, die Entscheidungsgewalt abzugeben.

An einen Computer.

Ausgerechnet an einen Computer.

Computer besitzen nur Logik. Kein Gefühl.

Streaming, wem Streaming gebührt

Wer dieses Bild nur von irgendeiner App kennt, ist ohnehin verloren. Alle anderen, wissen, was ich meine.


Songs, die nicht sofort „performen“ geraten in so einem System sehr schnell in Vergessenheit, dabei sind es doch oft gerade diese Titel, die etwas Sperrigeren, die sich einem nicht sofort erschließen, an denen man die längste und damit kumulativ größte Freude hat.

Exkurs:

Seit jeher ist Musik ein Medium gesellschaftlicher Interaktion. Sei es in ihrer ursprünglichsten Form, als Live-Aufführung; sei es in Form ihrer Wiedergabe vermittels Geräten von Grammophon bis Ghettoblaster; sei es in Form eines Mixtapes für die Angebetete, einer Radiosendung (R.i.P. Musikfernsehen); oder in Form einer DJ-Performance - Musik bringt Menschen zusammen.

Algorithmen, wie sie bei Streaming-Portalen zum Einsatz kommen, tun genau das Gegenteil. Sie vollenden einen Prozess, der mit der Markteinführung des Walkman zärtlich begonnen wurde: Sie schneiden ein Programm für den jeweiligen Nutzer zu. Kapseln ihn und seine Vorlieben in einen Seidenkokon, der mit den Kokons der Anderen einzig zum Zweck des Vergleichs in Kontakt steht. Sie fabrizieren den perfekten Egotrip unter den Musikkonsummöglichkeiten für Hörer, die sich gern langsam im eigenen Saft garen lassen.

Hinzu kommt, dass sich Algorithmen wunderbar unterwandern lassen, um vom Verkäufer, in diesem Falle vom Streaming-Dienst, bevorzugte Produkte hervorzuheben. „Huch, wieso läuft denn jetzt schon wieder die neue Single von Nickelback [← Lesen!] bei Spotify?“ You know why.

Streaming, wem Streaming gebührt

Kurz: Mit Streaming hält man sich alle Türen zum Big Data streamlined All-You-Can-Ego Buffet offen. Willkommen in der Generation Y.


Dieser Artikel erschien vor kurzem in der ersten Ausgabe von Tapefruit-Print, die man an ausgewählten Orten in München finden oder online bestellen kann

Matthias, n z Kommentieren d

Musical Radicals I - Zukunft ist jetzt

Clusters in the Air

Ich besuche zur Zeit ein Seminar mit dem Titel Urban Radicals, das sich mit radikalen, teils utopischen Architektur- und Städtebaufantasien von Architekten und Planern vornehmlich aus den 60er und 70er Jahren beschäftigt. Programmatisch sei hierfür das obenstehende Modellfoto zu Clusters in the Air des japanischen Metabolisten Arata Isozaki gezeigt.

Collage

In einem kurzen Referat habe ich die Musik der Zeit untersucht - und zwar entgegen dem ersten Reflex eben genau nicht die auf der zweiten Abbildung gezeigte: Die Musik der erfolgreichsten Künstler und Musicals der 60er, 70er und frühen 80er Jahre. Stattdessen muss man sich, ganz im Sinne des geflügelten Wortes Architektur sei gefrorene Musik (welches in der Regel Schopenhavuer zugeordnet wird) mit Musical Radicals beschäftigen - nur so kann man sich den Urban Radicals angemessen musikalisch nähern.

Braun TG 60

Doch dazu muss ich etwas ausholen: Beginnen wir mit dem Tonbandgerät (hier abgebildet das Braun TG60 von 1965). Das Tonbandgerät wird zwar bereits 1935 erfunden, kostet jedoch ein Schweinegeld und bleibt so vorerst nur Universitäten, Forschungseinrichtungen und großen Firmen erschwinglich. Noch in den 50er Jahren kostet ein Tonbandgerät inflationsbereinigt umgerechnet ca. 2000€ - erst in den frühen 60ern kann der Preis auf ca. 600€ gedrückt werden.
Dadurch wird zum ersten mal einfaches und bezahlbares Aufnehmen, Verzerren und Weiterbearbeiten von Musik ermöglicht.

Synthesizer

Neue, kompaktere Schaltkreise erlauben den Konstrukteuren des Instrumentenherstellers Moog als einem der absoluten Pioniere auf diesem Gebiet die Herstellung noch kühlschrankgroßer Sequencer und Synthesizer - im Laufe der 70er Jahre gelingt die Schrumpfung auf heutige Keyboard-Größe mit dem legendären Minimoog (hier eine sehr lohnende Doku über dessen Erfindung).

Commodore

Drittens: 1971 wird der erste Mikroprozessor hergestellt. Das Computerzeitalter ist damit eingeläutet. Im Laufe der 70er Jahre werden Computer immer bezahlbarer und beginnen, sich in alle Lebensbereiche hinein zu verbreiten.

In dieser Zeit des Aufbruchs wird unheimlich viel experimentiert und vielerorts ist man auf einmal der Auffassung, die Zukunft hätte bereits angefangen und ab sofort gehörten herkömmliche Instrumente ins Museum (sogar im Musikunterricht). Ich möchte empfehlen, dazu diese wunderbare, etwa einstündige BBC-Doku aus dem Jahre 1979 anzuschauen:

Hier gehts zu Teil 2, Teil 3, Teil 4 (unbedingt die ersten paar Minuten davon ansehen! Ein Computer produziert völlig autark Musik.)

In der Doku wird die Frage gestellt "Is this the music of the future?" - und die Antwort aus heutiger Sicht lautet ganz eindeutig "Yes, it is!" Zwar mag man sie als solche kaum noch erkennen, doch nahezu alle heute produzierte Musik greift auf Technologie und Ideen zurück, die von den Musical Radicals in den 60er und 70er Jahren entwickelt wurden.

Klaus Schulze

Für heute möchte ich schließen mit einem Foto nicht von Daft Punk, die den "Wir sind Roboter, weil man für elektronische Musik keine Menschen braucht"-Kram entgegen häufiger Darstellung eben nicht erfunden, sondern von dem Herrn auf dem Foto, Klaus Schulze, kopiert haben. Dieser veröffentlichte 1973 sein bahnbrechendes Synthesizer-Album Cyborg (Mehr zu Klaus Schulze, samt Hörprobe) und wird mit seiner visionären Haltung für mich, ebenso wie Jean Michel Jarre mit seiner legendären Laserharfe (diese Aufnahme stammt von 1990, die Laserharfe war aber bereits ab 1981 auf Tour) zu einer Art Symbol der Musical Radicals, einer musikalischen Generation, die die Zeit der herkömmlichen Instrumente hinter sich lassen wollte, die Zukunft lebte und deren Nachwirkung auf die heutige Musik um ein vielfaches größer ist, als man auf den ersten Blick meint.

Matthias, n z Kommentieren d

Himmel hilf, die GEMA kommt!

So, ich bin ja nicht so für übertriebenes GEMA-Bashing.
Die gesamte GEMA-Thematik ist meiner Meinung nach ein sehr vielfältiges und kontroverses Thema, das auch kontrovers und vielschichtig betrachtet werden sollte.

Ungerechtfertigte Monopolstellung, anachronistisches Konstrukt, ungerechte Einnahmenverteilung, überzogene Forderungen hin und her, so liest man das in letzter Zeit sehr oft im Netz. Auf der gegenseite stehen Musiker, die mit ihrer Kunst gern ihr Brot verdienen wollen und dafür auf die GEMA angewiesen sind.

GEMA Block

Das neueste Baby der GEMA-Boys&Toys ist jedenfalls die Idee, Websites für eingebettete Videos zur Kasse zu bitten. Genaue Details dazu sind mir nicht bekannt - und je nachdem, wie die sich das genau vorstellen, gäbe es auch verschiedene Ergebnisse.

Variante A, die ich mir vorstellen könnte: Websitebetreiber müssten einen gewissen Anteil (10%? 20%?) ihrer Werbeeinnahmen für eingebettete Videos abdrücken - das wäre wohl für alle bezahlbar - allerdings würde bei der GEMA nicht sehr viel ankommen (Tapefruit's Werbeeinnahmen im Jahr 2013 liegen etwa beim Gegenwert zweier durchzechter Nächte - viel zu holen ist da nicht).

Weshalb ich befürchte, dass die GEMA Variante B einführen möchte: Pro eingebettetem Video wird ein Fixpreis bezahlt (aufgrund meiner groben Kenntnis von typischen GEMA-Verträgen gehe ich sogar davon aus, dass zusätzlich zu einem Fixpreis noch ein Einnahmenanteiliger Preis dazukäme, sobald ein gewisser Deckel überschritten wird). So und das hätte folgendes Ergebnis: Tapefruit macht sofort dicht. Und wir wären ganz sicher nicht die einzige Musikwebsite der es so ergehen würde. Pessimisten gehen davon aus, dass nur 10-20% der kleineren und mittleren Musikwebsites das verkraften würden. Adieu unabhängige Musikberichterstattung.

Tapefruit GEMA Block

Aber man kann etwas dagegen tun: Dieser Tage kann man einen Fragebogen zum EU-Urheberrecht ausfüllen, der bei der Findung EU-weiter Regelungen, an die auch die GEMA gebunden wäre, helfen soll. Ich sach mal so: Mitmachen -> Website-Leben retten.

Matthias, n z Kommentieren d

Thüringer Klöße

Wir alle kennen unseren Fritz. Und irgendwie mögen wir den Jungen ja auch. Er kann ja nix dafür. Aber jetzt steigt die kalte Wut in mir auf!

So. Der Junge hat jetzt einen Plattenvertrag bei der Warner Music Group, einem der größten Major-Label der Welt. In fünf Versionen wird sein Song Thüringer Klöße da prästentiert. Was soll das?

Warner war einmal ein glaubwürdiges Musik-Label. Zugegeben, das ist lang her - in den siebzigern, als dort noch The Doors, Led Zeppelin oder Fleetwood Mac groß wurden. Als man noch, wie sich das für ein ordentliches Label gehört, progressive, fähige Künstler unterstützte und ihnen zu Ruhm verhalf.

Fritz - Thüringer Klöße

Heute kann der Scheißhaufen, der davon übrig ist, wohl nicht mehr machen, als den zweifelhaften Ruhm eines vierzehnjährigen Jungen, entstanden durch Internet-Trolltum und musikalischem Chauvinismus, zu verwalten und den armen Buben auszukochen wie ein ranziges Suppenhuhn um auch noch den letzten Furz, den er lässt, in ein paar Münzen zu verwandeln. Eine Schande ist sowas. Warner Music Group, ihr seid zum Kotzen!

Auf den Skihütten wirds bestimmt gespielt.
Viel Spaß dabei.

Matthias, n z Kommentieren d

Über die Bonjovisierung

Wir alle kennen das Phänomen. Ein einst (vielleicht) interessanter, kreativer, prosperierender Interpret verwandelt sich nach und nach in einen Musik-Zombie, der hirnlos durch die Feuilletons splattert, uns wie Fliegen in seinem Spinnennetz aus billigen Ohrwürmern fängt und unsere Gehirne mit seinem immergleichen Gewaber genüsslich aufweicht, um dann im absoluten Brainfreeze-Nullpunkt unser Konto trockenzusaugen (hier möchte ich ein x-beliebiges, überteuertes Bon Jovi-Best Of verlinken, zum Beispiel 100,000,000 Bon Jovi Fans Can't Be Wrong (Limited Edition, 4CD+1DVD). Einhundert Millionen Fans. Soso. 4CDs plus 1DVD. Herb.)

NickelBrain

Nene, also wolln wir nich, zurück zum Thema: Das Phänomen der Bonjovisierung. Kein Interpret scheint davor gefeit.
Mancher hat eine Halbwertszeit von nur einem Album, andere schaffen es weitgehend unbeschadet bis zum vierten, doch früher oder später nickelbackifizieren sie sich alle, fangen an, nur noch sich selbst zu covern, irgendwann klingen alle Songs gleich (leider ist dieses geniale Bon Jovi "It's My Life, so Have A Nice Day" Mashup, das dieses Faktum beweist, in Deutschland mal wieder gesperrt), keinen sollte der Quark also noch interessieren, doch genau dann fängt dieser bereits zu oft wiedergekäute, geschluckte und wieder heraufgewürgte Brei an, in heavy rotation auf Radio Arabella und Antenne Bayern zu laufen.

Radiosender dieser abstrusen Qualität müssen sich ebenso wie die Feullitons sämtlicher großen deutschen Zeitungen als schuldig am Phänomen der Bonjovisierung anprangern lassen und darüber hinaus an einem erheblichen Beitrag zur musikalischen Volksverdummung. Ich persönlich hole mir meine bovine spongiforme Enzephalopathie jedenfalls lieber von einem saftigen Steak als durch so einen Bockmist.

Sehen uns wir nun einmal an, wie die Bonjovisierung eines Interpreten abläuft. Dazu lohnt es sich, den Wikipedia-Eintrag zu exothermen Reaktionen zu zitieren [mit Ergänzungen]:

Die Edukte [=Interpreten] befinden sich zunächst in einem metastabilen Zustand [=Kreativität].
Durch kurze Zufuhr eines bestimmten Energiebetrags
[=Geld/Fame], der Aktivierungsenthalpie, wird das System in den instabilen Zustand gehoben.
Durch die Aktivierung kommt die Reaktion
[=Bonjovisierung] in Gang und läuft ohne weitere Energiezufuhr selbständig ab.
In der Gesamtbilanz gibt das chemische System Energie
[=Zaster] an die Umgebung [=Big 3: Universal, Sony, Warner] ab, sie wird als Reaktionsenthalpie [=dicke Kohle] bezeichnet.
Die Produkte
[=whacke Interpreten] befinden sich jetzt in einem stabilen Zustand [=sind bonjovisiert].
Hierbei erwähnt Wikipedia leider nicht, dass die Produkte auf einem niedrigeren Energieniveau [=Interessantheitsgrad] liegen als die Edukte.

Aber nicht nur von Haus aus miese Bands wie Bon Jovi, Nickelback oder Linkin Park sind betroffen, auch Bands die ich einst sehr wertschätzte bzw bei denen ich mich noch an den letzten Zipfel Glaubwürdigkeit klammere, bevor sie für in den Untiefen der Bonjovisierungs-Suhle versinken, namentlich zum Beispiel Red Hot Chili Peppers (seit I'm With You), The Strokes (leider bereits seit First Impressions Of Earth), Mando Diao (spätestens seit dem Apachen-Album aus Karl May's Sammelausgabe), The Zutons, Eagles Of Death Metal... Die Liste ist lang.

Den Vogel schießt allerdings die Omma des Grauens, Madonna ab: Seit mit aggressiver selbst-Bonjovisierung nichts mehr zu holen ist, kopiert sie eben nicht mehr sich selbst sondern andere, längst Linkin geparkte Kreaturen wie Britney Spears. Es bereitet mir geradezu physische Qualen, zuzusehen, wie sich diese ehemalige Königin des Pop zu solcher Gesamtkonzept-Diarrhoe hinreißen lässt, um ihren bereits weichgekochten Dauerfans (ausser denen wohl niemand das neue Album kaufen dürfte) noch den letzten Cent aus der Jackentasche zu kramen. Ein Trauerspiel. Madonna belegt damit nach Vladimir Putin Platz zwei auf meiner persönlichen Liste der überfälligen Zwangspensionierungen.

Doch es gibt auch gute Nachrichten. Manchmal scheinen die Musiker es selbst noch rechtzeitig zu bemerken und die Notbremse zu ziehen. Sie verschwinden entweder weitgehend von der musikalischen Bildfläche (Peter Doherty), sterben (Amy Winehouse) oder lösen sich auf (Oasis) und verschonen uns so vor weiterem Braindamage.

Matthias, n z 5 Kommentare d

Chilly Gonzales im Guardian

Chilly Gonzales ist längst nicht mehr nur für seine Musik bekannt, ob nun solo, als Collaborator mit Daft Punk oder gemeinsam mit Boys Noize als Octave Minds. Nein, der Mann mit dem Schlaftzimmerblick und dem Faible für Halstücher ist nun auch unter die Kritiker gegangen. Und das, wie ich meine, mit Bravour.

Chilly Gonzales im Guardian

Chilly Gonzales beklagt den Tod der Akkordfolge. Foto: Alexandre Isard

Sein Artikel "Chilly Gonzales on musical tropes in 2014: when the chord progression died", der im Dezember vergangenen Jahres beim Guardian erschien, hat bei mir einen Nerv getroffen - Gonzales beschreibt hier auf leicht nachvollziehbare Art und Weise den Grund, aus dem ich die ganz große Popmusik unseres Jahrzehnts nicht verstehe:

"Remember the goosebumps you got when listening to Something by the Beatles? When the guitar answers George’s “You know I believe her now” with some harmonic sleight-of-hand? [...] That’s the sophisticated substitution of minor for major. These emotional bait-and-switches sound positively quaint and old-fashioned today.
The twists and turns of clever harmony have been replaced by sound."
- Chilly Gonzales

Den Artikel finde ich nicht zuletzt deswegen sehr lesenswert (hier nochmal der Link), weil er dabei sachlich-empirisch bleibt statt der Versuchung zu erliegen, zu einem Pamphlet der Anklage zu werden. Das hätte durchaus auch einen schönen Artikel geben können, à la "das ist doch alles Schrott, was die da machen!" - für einen Moment dachte ich denn auch, der Text drehe in diese Richtung:

"Music based on such broad strokes [...] sounds great out of a laptop speaker." - Chilly Gonzales

Aber selbst dieser Satz, der auf den ersten Blick ganz klar negativ auf mich wirkte, entpuppt sich näher bedacht als reine Observation der heutigen Zeit: Viele junge Leute haben keine große Anlage zuhause, hören dafür umso mehr Musik unterwegs, auf dem Handy oder Laptop. Statt auf die Unterkomplexität heutiger Mainstream-Musik zu schimpfen, beobachtet Gonzales schlicht, dass diese den Zeitgeist bedient und obendrein zu einem ganz natürlichen Prozess in der Musikgeschichte gehört:

"I think music is always pushing forward toward the essential – the history of music is largely a process of reduction, and it is a beautiful process to observe." - Chilly Gonzales

Das Urteil bleibt damit dem Leser überlassen - ist die heutige Popmusik zu banal für mich oder bin ich einfach zu altmodisch für diese Musik?

Ich für meinen Teil bin sehr froh, dass es sie noch gibt, die "alte", etwas komplexere Musik, die von der Platte noch besser klingt als von der mp3. Und ich zelebriere das nun, indem ich eine solche höre.

Chapeau!

Matthias, n z Kommentieren d

Misunderstood Bob Marley

Misunderstood Bob Marley

"Koa Oide, koa Gschrei", "No Wummen, no cry" – liegt hier ein Missverständnis vor? Die Original-Textzeile aus No Woman No Cry will nicht bedeuten, dass es ohne Frauen keine Tränen gibt.

Sie sagt keinen logischen Zusammenhang aus, sondern ist eine Anrede und Aufforderung: Nein, Frau, weine nicht!

"Good friends we have, good friends we've lost
Along the way.
In this great future, you can't forget your past
So dry your tears, I say.
No, woman, no cry,
No, woman, no cry.
'Ere, little darlin', don't shed no tears, No, woman, no cry."

Viel freundlicher, hm?

5000, n z Kommentieren d

Radiohören - Das Plädoyer

Ich bin als Kind jeden Abend zu irgendeiner Hitparade eingeschlafen, wahrscheinlich die „Schlager der Woche“. Ich hatte ein schwarzes Nordmende Kofferradio das mich im Dunkeln beschallt hat, ging davon aus ich würde Radiomoderator werden und dann aussehen wie Bill Murray.

Radiohören

Mein Plädoyer fürs Radiohören entspringt aber nicht aus dieser Nostalgie - die ist nur ein Bonus. Ich fand und finde es beispielsweise total überflüssig, dass bei Hardcore und Hipster Kasetten als Medium wieder in Mode waren. Nein, um retro geht es nicht. Das Radio hat eine absolute Qualität, ist besonders.

Es gefällt mir, professionell und im Idealfall mit Bedacht erstellte Playlisten und Informationsbeiträge zu hören. Reportagen auf genannten Sendern rentieren sich oft. Genauso ist es schön, sich mit der Leberkassemmel hinzusetzten, eine Halbe aufzumachen und sich Bayern 1 zu geben. Mal schön Oldies saugen. Apropos Bayern 1; mir ist Fußball restlos egal, im Radio finde ich ihn aber ganz in Ordnung.

Musik? Viele Sender reichen nur den Ausfluss der großen Kackmaschine durch und wiederholen diesen in viel zu kurzen Rotationen. Man lasse sich davon nicht schrecken, es gibt ja auch sehr gute Sender. Deutschlandradio Kultur hat mir die besten Autofahrten jemals beschert. Wenn ich mich recht entsinne ist da sogar mal GG Allin gelaufen. Oder war das auf Bayern 2? Ebenfalls eine lohnende Frequenz.

Nicht nur Kurzwellenfrequenzen verschaffen einem Radioprogramm, streamen kann man schließlich auch (Mediatheken!). Das ist gerade praktisch bei den guten Nachbarn von Ö1 und FM4. Eine ehemalige Mitbewohnerin hatte immer radioeins aus Berlin laufen - war gar nicht verkehrt. In München sind natürlich das Ausbildungsradio M94,5 und der BR-Jugendsender Puls zurecht beliebt.

Auf Mittelwelle (gut für Fernfunk) empfängt man hier nur noch einen Sender, nämlich BR Plus („Die schönsten Schlager und Melodien“). Das hat sich herausgestellt, als ich vor einem Monat meine Stereoanlage in Betrieb genommen habe, und sich alle die gerade in der Wohnung waren eine Stunde vor den warm leuchtenden VU-Metern am Boden zum Radiohören zusammengesetzt haben, wie vor einem Wohnzimmerkamin. Ein sehr schöner Sonntagnachmittag. Man wurde sich einig, dass Radiosound wahrscheinlich jedem eingebrannt ist. Typische Lieder, die man nicht absichtlich kennt, die aber im Hintergund laufen seit man Ohren hat. Beispiele: Andy Kim-Baby I Love You oder Barbara Streisand-Woman In Love.

Radio ist aber wie gesagt auch durchaus gegenwärtig und nicht per se rückwärtsgewandt. Hören Sie wieder mehr davon. Die Landschaft ist bunt. Ich widme mich jetzt Anne Clark. Vor ein paar Jahren habe ich nämlich herausgefunden, dass es sich bei der Hintergrundmelodie, die während der Ansagen aus dem Kofferradio lief, um ein Sample aus einem ihrer Lieder handelte.

Der nächste Song heißt Abuse und kommt von der Engländerin Anne Clark. Ich kann Ihnen jetzt schon versprechen, dass das einer der ganz großen Hits 1990 werden wird - aber hören Sie selbst!

P.S. Bei mir um die Ecke sitzt meistens ein Senior auf der Straße, der fleißig irgendetwas notiert während er Radio hört. Er hat mir von ausländischen Sendern und von Radiotechnik erzählt. Radio muss sehr wichtig für ihn sein. Faszinierende Themen hat er.

5000, n z Kommentieren d

All that is solid melts into PipiKaka

[Diesen Artikel habe ich vor einem Jahr verfasst, anlässlich der Verwertung von Grunge durch Zara, H&M und so weiter. Das Phänomen ist nicht hierauf beschränkt, das Thema generell aktuell. Der Artikel wurde oberflächlich nachbearbeitet. Weil ich sehr gut bin, bietet er nach wie vor ausreichend Lesevergnügen, das haben Sie sich sicher bereits gedacht.]

Wissen Sie noch? DAMALS? Es war der Sommer der Liebe. Wir waren frei und jung! Flower Power, Peace, Love und so weiter .Eh klar.
Oh Maria hilf – die Timelife-Werbung. Mit reichlich Wiederholungen schleppte sie sich durch mittelmäßig beliebte Sendeplätze: Ein geschäftsfreudiger älterer Herr bot aus einer beigen Jacke heraus 68er Musik an. Gerade mal 29,95 und wenn Sie sofort anrufen gibt es eine prima Heizdecke gratis oben drauf!

Monterey-Nostalgie hin oder her: Diese üble Reklame muss noch dem letzten Romantiker die Zehennägel hochbiegen und schreit förmlich nach Verfall. Grunge ist also nicht die erste Kultur die in kommerziellen Rauch aufgeht. Subkulturen steuern scheinbar unausweichlich und ohne Gnade hinab ins Sonderangebot-Regal. Alles was wichtig war zergeht zu PipiKaka?

All That Is Solid...

Noch ein Opfer: Der englische Punk! Der ist zu einem guten Teil als Mode entstanden mag man da sagen, siehe Vivienne Westwood. Die Mode war aber immerhin ein Instrument für Schock und aggressive Abspaltung. Wenn die Sex Pistols also heute im bedeutungsleeren H&M hängen sieht das trotzdem verdammt nach Verwesung aus. Deren Kollegen von The Exploited fand man schon am Körper der gar nicht mal so frechen Jeanette Biedermann.

Punk's not dead? Na dann hat er aber Lepra. Warum sonst liegen seine Körperteile hier überall herum?

Ich vermute, dass dahinter der immer gleiche unbarmherzige Mechanismus surrt. Eine frische Bewegung hat mal ein paar Jahre auf dem Buckel und schon geht es los. Ein Kanon bildet sich, eine imaginäre Liste mit Bands und Codes die man kennen muss, wenn man nicht total plemplem ist. Teile die groß und wichtig sind. Ist damit schon das Grab geschaufelt? Immerhin fängt es hier an, dass die urwüchsige Angelegenheit institutionalisiert und geregelt wird. Je mehr Zeit vergeht, desto schlimmer wird es. Zack! Da kommt auch schon die schauderhafte Ikonisierung! Stil und Symbole gehen ins kollektive Popkultur-Gedächtnis ein und werden zu Ikonen, so wie die USA-Flagge oder das Kruzifix.

Das Ramones Shirt ist bekannter als das Regierungs-Logo, das sein Vorbild ist, und die Stones-Zunge steht sogar dem Union Jack in nichts nach. Sobald die Ikonisierung mal erledigt ist, geht unausweichlich unser Phänomen los, eine Art Gentrifizierung. Die Kaufhausketten greifen beherzt zu, verkaufen peppige Sachen die gut über den Tisch gehen weil ihnen ein flippig wildes Image anhaftet, ohne dass diese jetzt tatsächlich noch Aufruhr und Gefahr mit sich brächten. Und schon dürfen sich die Teens und Tweens in Massen am fancy neuen Grunge-Look laben. Ein Fluch der Szenegänger wie Klageweiber vor den Scherben ihres Schatzes zu Boden sinken lassen muss, oder?

Es gibt auch Tür 2:
Der Symboldiebstahl ist belanglos und völlig egal. Natürlich ist es lächerlich und ärgerlich wie die Jugendkulturen gemolken werden, aber am Ende geht es dabei halt doch nur um ein lumpiges T-Shirt, um Style von gestern, und nicht um Idee. Wenn also wieder die Arie vom tragischen Verfall gesungen wird ,kann man ruhig gelassen bleiben. Dieser Zirkus hat keinerlei Substanz und interessiert kein Schwein das noch irgendwas vorhat im Leben außer zu jammern.

Letter by Johnny Rotten

Tür 3:
Die Heldenverehrung schafft überhaupt erst die Grundlage für die Gentrifizierung. John Lydon (P.I.L., Sex Pistols) macht heute Werbung für Butter wenn er Bock hat und zeigt der ekelhaften RnR Hall of Fame die two fingers wenn sie ihn aufnehmen will. Er schuldet niemandem etwas. Darauf einen feuchten Erich zu geben ist sympathischer und freier als eine knorrige, spießige Heldenverehrung die sich an irgendeinen eingebildeten Kodex klammert. Das ändert nichts daran, dass die Ikonen-Gentrifizierungs-Affigkeit restlos hohl ist. Es ist einfach beides scheiße.

Wo stehen Sie, wenn es soweit ist, dass junge Massen durch Ihre Tür brechen und giggelnd und selfie-postend Ihre Schatzkiste plündern?

Wer noch Fragen hat wendet sich vertrauensvoll an die GALA

P.S.: Das passiert übrigens Allem. Ikonenbezug ist DAS Ding. Im Kino kann man das mit Stil und Funken machen (so wie der ehemalige Videothekar Quentin Tarantino oder der Design-Ikonen-Freund Wes Anderson) oder man schröpft einfach was eh schon da ist (Comic-Verfilmungen, Reboots, Pre- und Sequels, Neuverfilmungen). Ein Arbeitskollege, der nach eigener Angabe vor zwanzig Jahren angefangen hat zu skaten, hat mir gestern erzählt, dass es in dem Bereich auch nicht anders ist.
Man kann wohl Pop-Post-Moderne sagen und es ist überall.

P.S.S.: Ich erinnere an die Neo-Emos, die sich mit Piercings und Tattoos ein bisschen zu viel bei etablierten Szene-Codes bedient hatten. Ich erinnere auch daran wie in Mexiko Horden von Skate/Punk/Wasauchimmer Szene-Faschisten Menschenjagden auf diese Kinder veranstalteten ('verweichlichte Schwuchteln' etc.). Wenn die Überschätzung von Oberflächlichkeiten Ausmaße annimmt wie da, dann sind Hopfen und Malz verloren.

5000, n z 5 Kommentare d

Facebook Music

Facebookmusic
Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist Musik suchen und hören. Das ist auch der Grund, warum ich Tapefruit so gern habe. Zuhause sitzen und ein frisch gekauftes Album anhören, im Club zu einem geilen Mix tanzen oder bei einem Livekonzert abgehen. Immer ist es schön Musik zu hören. Meistens werden diese Erlebnisse mit Freunden zu etwas wirklich Besonderem.
Dieses Gemeinschaftserlebnis will Facebook jetzt auch herstellen. Mithilfe einer Schnittstelle im Chat wird es jetzt möglich sein zusammen mit Freunden Songs anzuhören. Es wird wohl sogar möglich sein, sekundengenau in die Musik des anderen einzusteigen. In Deutschland ist Spotify der Partner von Facebook, was jedoch Schwierigkeiten mit der GEMA mit sich bringt. Deshalb ist noch nicht klar, wann dieser Service voll funktionsfähig in der Bundesrepublik zur Verfügung stehen wird.

Soweit die Fakten, jetzt folgen noch ein paar Ausführungen meinerseits.
Ich finde die Idee wirklich schön. Doch läuft es auf das Hauptproblem von Facebook hinaus. Will man wirklich Sachen miteinander online "teilen" oder sich nicht dann doch lieber bei jemandem treffen oder auf ein Konzert gehen. Zwar lernt man sicherlich dadurch auch viel Musik kennen, aber dadurch, dass ganz Facebook letztlich auf Likes und Anerkennung aufgebaut ist wird das auch nur zu einem intellektuellen Gewichse ausarten. Vielleicht auch nicht; wenn diese Funktion erhältlich sein wird, werde ich auf jeden Fall vorsichtig damit umgehen.

In diesem Sinne: Auf zu unserer Facebookgruppe! Denn für Musikliebhaber wie uns ist so eine Funktion sicherlich eine Chance.

Gimmick: Gratis Download von isländisch gemixten Afrohouse: Senseni (FM Belfast Remix) von Kimbabwe

SunSon, n z 1 Kommentar d

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