COEO - Tapefruit Aftershow Vol. 2

Diesen Freitag, 21.11.2014 00:30, sehen wir uns auf der Tapefruit Aftershow Vol. 2 in der Milla (Holzstraße 28) mit COEO!

COEO, das sind Andreas Höpfl und Florian Vietz. Die beiden mischen gerade mächtig die Münchner Underground-House Szene auf - Releases auf Labels wie Let's Play House, Sccucci Manucci, Dabit, Seven Music und ToyTonics und die brandneue Physical EP machen hellhörig und Lust auf Tanzen.

Und genau das ist es, was die beiden Münchner erreichen möchten. Ganz im Sinne der Bedeutung ihres Namens geht es COEO (lat. "zusammenkommen, sich vereinigen") darum, "Menschen auf der Tanzfläche zusammen zu bringen", so zuletzt am vergangenen Samstag im Harry Klein, bei deren Radioshow auf EgoFM auch ein Podcast erschien:

Die nähere und nächste Zukunft sieht auch gut aus für COEO: Eine neue EP auf ToyTonics steht in den Startlöchern und für 2015 sind auch bereits erste Platten Deals gemacht. COEO sollte man auf jeden Fall im Auge behalten, also Schauts rein morgen Abend, wird eine gute Sache!

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Bosco Rogers - Googoo EP

Bosco Rogers

Ob Bands, die aus einer Schnapslaune heraus entstehen, grundsätzlich für hohe Qualität stehen, sei jetzt mal dahingestellt. Kürzlich, im Falle von Sisyphus, muss man aber sagen, dass es geklappt hat. Musikalisch ganz anders gelagert könnten Bosco Rogers, nach selbstaussage "flower punk ruffians", wieder so ein Fall sein.

Dass mehr 60s/70s in den Jungs steckt als Klamotten und Fahrzeug auf den Pressefotos, davon zeugt der Sound der aktuellen Single The Middle. The B-52s, The Monks und Low-Fi à la Guided By Voices, die Bosco Rogers als Väter und Mütter ihrer Inspiration nennen, lassen sich hier durchaus hineininterpretieren.

Bevor die EP Googoo am Freitag erscheint, dürfen wir uns als Zuckerl schon jetzt den Track In Stereo downloaden. Feine Sache, bin gespannt auf mehr.

Matthias Schmidt, n z Kommentieren d

Wort zum Songtag #278

Und wieder ist eine Woche vorbei.
Wieder gab es allerhand Musik zum aussuchen und wieder habt ihr mit 19 Stimmen eure Favoriten gewählt:

1. Georgia Mason - Running Blind21%
Vorschlag: kiwifruit


2. Senor Coconut - The Robots21%
Vorschlag: 3172g


3. DRALMS - Division Of Labour16%
Vorschlag: reginald


4. Poliça - Torre, 5. Cristobal And The Sea - My Love (Ay Ay Ay), 6. Mirel Wagner - Red, 7. The Asteroids Galaxy Tour - Bring Us Together

Matthias Schmidt, n z Kommentieren d

Kreisky Interview + Konzert 26.10.

Kreisky haben am Sonntag ein ausgezeichnetes und ausverkauftes Konzert in der Milla gespielt. Mit herausragender Zugabe wurde hier die Tour abgeschlossen ("Die Menschen sind schlecht" war mein Favorit des Abends).

Nach dem Zusammenpacken geben Franz Wenzl (Gesang, Tasten), Martin Offenhuber (Gitarre), Gregor Tischberger (Bass) und Klaus Mitter (Schlagzeug) bei einem Bier freundlich Auskunft.

TF: Ich hab letzte Woche ein Video vom Hader gesehen, in dem er die Kreisky-Zeit als gemäßigte Demokratie bezeichnet hat. [Kreisky lachen]. Ist der Bandname politisch?

Wenzl: "Jein. Wir haben einen Bandnamen gesucht, der halt so ein großer Bandname sein sollte, so einer, der ein bisschen nach was klingt. Also haben wir Wörter ausprobiert."

--Tischberger und Wenzl reden über den nicht genommenen Alternativ-Vorschlag "Erdarsch", alle lachen, unterhalten sich aber nicht ohne Ernst über den Namen. Mitter wirft ein, dass dieser auch als Erdmöbel Rip-Off erscheinen hätte können.--

Wenzl fängt den Exkurs wieder ein: "Auf jeden Fall war es dann irgendwie so, dass ein paar Namen geflogen sind, und ich glaub bei Kreisky war dann so eine Stille, und irgendwie so: 'Ok da sammer jetzt auf einer Goldader, das ist wirklich ein cooler Name'. Er klingt gut, er passt zur Musik. Und man darf nicht vergessen, als wir uns gegründet haben war das in Österreich die Schüssel-Zeit, blau-schwarze Regierung, später dann blau-orange, [Anmerkung: Wolfgang Schüssel, ÖVP, konservativ, schwarz / FPÖ, national, liberal, blau / BZÖ, rechtspopulistisch, orange], und da war irgendwie der Kreisky im Vergleich dazu schon ein positives Signal. Dass da nicht jeder damit kann, ist nur umso cooler eigentlich. Wenn man nicht ins Detail geht, sondern im Großen bleibt, dann hat Kreisky doch Österreich schon weit geöffnet in vielerlei Hinsicht. Für uns ist das schon … ok."

TF: Also hauptsächlich eine klangliche Entscheidung, aber auch ok inhaltlich?

Wenzl: "In erster Line war das eine intuitive Entscheidung. Es hat irgendwie genau die Kanten die es irgendwie braucht. Guter Name einfach."

TF: Ich bleibe beim Österreichischen: Wir haben nächsten Monat in der Milla Den Nino aus Wien und Wanda da. Über Wanda ist sauviel geschrieben worden. Gibt es eine Kreisky Meinung zu Wanda?

Wenzl: "Ich muss sagen, ich hab sie ein bisschen gesehen auf einem Festival, und es hat schon sehr smart gewirkt. Die Wissen irgendwie was für Versatzstücke sie hernehmen und wie sie sie cool zusammen bauen. Ich glaub das ist schon eine sehr gute Band. Aber das ist erstmal eine unfundierte Meinung."

Offenhuber: "Das ist mehr als viele Andere nach vielen Jahren in irgendeiner Art von Band oder Karriere zustande kriegen; wirklich sehr sehr stark. Ich hab sie leider live nur einmal und nicht sehr lang gesehen, das war irgendwie distanziert so am Open-Air in Wien - das war zu weit weg, das hat nicht gewirkt. Aber alles andere wirkt wahnsinnig stark. Der Nino, der Nino ist natürlich schon … da. Der ist ein Fixum. Der ist schon immer da."

Kurz danach wird er noch anfügen "Der Nino hat natürlich schon eine sehr solitäre Position, die er mit Freude bespielt." Er meint "Ich habs lieber wenn der Nino die Deutschland-Karte erschlossen hat als wenn der … ähm..."

TF: Der Gablier?

Offenhuber: "Nein nicht der Gabalier, aber diese ganzen Nachahmungsbands. Ich finde nicht alles gut was er [der Nino] macht, aber er als Figur, und was er macht, und warum er das macht, ist mir tausendmal lieber als diese ganzen Musiken, die mir vielleicht näher sind, aber aus den flaschen Gründen gemacht werden. Da gehts um Nachahmung, da geht’s um eine Art von Imitation die es nicht braucht. Ja? Warum braucht man eine imitative internationale Band die aus Wien kommt? Die könnte aus München oder Augsburg oder irgendwoher kommen, das ist eigentlich Wurscht."

Einleuchtend.

Übergang fällt mir keiner ein, ich stelle die nächste Frage, deren Antwort mich interessiert.

TF: Ich finde eure Musik, die ganze Band, sehr stimmig. Hat es ein Konzept gegeben? Diese Idee füllen wir jetzt aus? Oder hat sich das ergeben?

Wenzl: "Ein Grundkonzept hat es schon gegeben." Tischberger: "Eine vage Idee wie es sein soll." Wenzl: "Ernsthafte Musik. Wir kommen aus verschiedenen Spiel-Richtungen: Homerecording, Elektronik, komische Sachen, Avant-Sachen oder Indierock oder irgendwie sowas."

TF: Elektronik?

Wenzl: "Auch, ja. Der Martin zum Beispiel hat ja auch selbst Instrumente gebastelt und so weiter. Und bei der Geschichte [der Band Kreisky], war dann die Idee: Das soll jetzt eine Rockband sein - im besten Sinne – klassisch; darum auch die Anzüge, ein bisschen ein Dresscode. Groß, ernsthaft auf der Bühne stehen. Wir waren da alle sowas um die 30, da muss man ja ein bisschen umdenken. Das Konzept hats schon gegeben. Und das hat auch sicher zusammengehangen mit dem Zustand von deutscher Popmusik zu der Zeit, die einfach wahnsinnig gefühlig war. Jetzt gibt’s wieder ganz andere Sachen."

TF: Die noch mehr zum kotzen sind.

Wenzl: "Joa auch, eh klar. Wenn man jetzt die großen Sachen anschaut, aber ich meine so im Indie-Pop Bereich. Jetzt gibts halt Ja,Panik, Die Nerven, … . Jetzt gibts schon ein bisschen mehr Sachen die irgendwie interessant arbeiten. Und damals war das dann eher so melodie- und melancholieselig oder sowas, und das wollten wir nicht machen, sondern es war uns schon wichtig, dass das richtig Ecken hat."

TF: Das war das eine Wort das mir eingefallen wär, wenn ich mich auf ein Wort hätte festlegen müssen: kantig.

Wenzl: "Ja, das ist ja ganz gut." Offenhuber: "Das sitzt offenbar in uns drinnen. So ganz locker gehen die runden Sachen nicht von der Hand. Was man aber schon sagen muss, ist das wir trotz aller Sperrigkeit trotzdem immer den Pop-Gedanken drin haben. Wir wollen jetzt nicht die Leute ausperren, die sollen schon ruhig mitmachen."

Wenzl: "Wir habens selber mal so formuliert, dass wir eigentlich eine Popband sind, die mit Rockmitteln arbeitet."

Kreisky sei "rockig" aber habe "einen Popgedanken drinnen, der mit Verfremdung und mit Symboliken und soweiter spielt."

Offenhuber: "Und dann die Catchyness." Wenzl: "Joa klar."

TF: Weil du gerade sagst "Mit 30 muss man umdenken": Ihr habt heute Babystrampler im Merchandise gehabt. [Kreisky lachen]. Ist Kreisky Rock'n'Roll für Erwachsene?

Kurze Stille, dann mehrfaches "Joa".

Tischberger widerspricht aber: "Na. Für Kleinkinder! Wie logisch ist denn das?" [alle lachen]

TF: Das Kleinkind kauft sich nicht selbst den Strampler, sondern die Eltern.

Tischberger: "Ja aber das Kleinkind wird dann vor die Stereoanlage gesetzt weil die Eltern dann die Platten auflegen." Dem Kind würde das taugen "auch wenns so kreischt und zuckt. Das ist irgendwie ganz cool."

Mitterer: "Es ist mittlerweile Musik für alle, ausgenommen zwischen 10 und 22" Tischberger: "Naaa." Wenzl: "Das Stimmt auch wieder nicht unbedingt," Offenhuber: "Aber was stimmt is aufjedenfall, dass interessanterweise grad sehr kleine Kinder auf die Musik abfahren"

TF: Spielt ihr auch vor kleinen Kindern?

Offenhuber: "Bislang wars eher über den Tonträger."

Wenzl: "Der Grundgedanke war in dieser Hinsicht: Musik für uns machen - und wenn man ans Publikum denkt, dann an Gleichaltrige oder sowas. [...] Es war schon irgendwie so, dass die Reflektion die da passiert, die Musik die da passiert, einen Hörer braucht, der natürlich schon ein bisschen Musik gehorcht hat und ein bisschen eigenen Erfahrungen gemacht hat."

Offenhuber: "Wieviele sogennate Indiebands produzieren für ein Publikum zwischen 13 und 18, oder 20 wenns hoch kommt und sind aber selbst jenseits der 30, 40."

Wenzl: "Wenn wer die Sache glaubhaft und aus den richtigen Gründen interessant findet, dann finden wir das natürlich super. Das ist eine gute Kommunikation. Das ist doch so der Auftrag von allem was man macht"

TF: Herzlichen Dank!

Man trinkt das Bier leer. Ich frage Franz Wenzl noch ob er mit der Wenzl verwandt sei; ist er aber nicht (der Sänger war während des Konzerts in einer von mehreren unterhaltsamen Zwischenreden auf 'München als Theaterhauptstadt des deutschsprachigen Raumes' zu sprechen gekommen). Die Band unterhält sich noch kurz über den jüngsten Burgtheaterskandal, dann geht es in den Flaschenöffner. Dort bringt Martin Offenbach noch Fugazi und Ian McKaye generell (ich glaube auch The Evens, aber kann mich nicht mehr erinnern) sowie Nick Cave & The Bad Seeds und Slayer auf den Tisch. Sehr interessant und gedankenvoll alles.

Thomas Schamann, n z Kommentieren d

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Der Keno + Flying Pussyfoot

Dass aus einer Coop zwischen Der Keno und Flying Pussyfoot etwas ordentliches entstehen kann, weiß man ja spätestens seit 2012 der Track Last Man Standing auf dem SampleMinded Album Indigo erschien (Ich berichtete).
Nun machen die Beiden wieder gemeinsame Sache: Wahrscheinlich noch dieses Jahr erscheint die EP Paradajz Lost - die erste Single Über den Wolken gibts schon samt surrealem Oktoberfest-Video:

Interessanterweise gibt es eine gewisse Deckung in der Endzeitstimmung der beiden Songtexte. Über den Wolken ist dabei nicht ganz so düster, dafür umso realer: Es geht um nichts anderes als die Selbstauslöschungstendenz der Menschheit.

Die beiden Protagonisten dürften hinlänglich bekannt sein: Der Keno macht mit Moop Mama Furore, zuletzt auf Tour mit Jan Delay. Davor gemeinsam mit Fatoni und Bustla als Creme Fresh bekannt, deren letztes Album Organisiertes Zerbrechen 2010 erschien

Auf Flying Pussyfoot stehen wir ja spätestens seit der Legend Of Flying Pussyfoot EP, die wir vor gut einem Jahr auf Tapefruit gefeatured haben. Ausserdem bildet der gute Mann einen wesentlichen Teil der bereits erwähnten SampleMinded, die uns 2012 auf einer Tapefruit-Party beehrt haben und die wir 2011 interviewt haben.

Matthias Schmidt, n z 1 Kommentar d

Sound Of Munich Now + BASSart + Puls

Uff, schwierig. Dieses Wochenende prasseln bei gleich zwei Musik-Festivals in München die Gigs nur so auf uns ein. Wer soll da noch wählen können?
Versuchen wir, zumindest etwas Licht ins Dunkel zu bringen, indem wir tageweise vorgehen:

Freitag, 07.11.2014

Auf dem BASSart in den Postgaragen (Deroystraße 3) stellt der Freitag den tendenziell "kleineren" aber nicht zu unterschätzenden Teil des Programms dar. Eine Vielzahl Künstler tritt in schneller Taktung auf, Concert Shots nennt sich das, das komplette Lineup für BASSart am Freitag findet ihr hier.

Das Sound of Munich Now im Feierwerk (Hansastraße 39-41) steht am Freitag voll unter einem elektronischen Stern. Das Freitags-Lineup beim Sound of Munich Now ist vergleichsweise überschaubar, dennoch gibt es jede Menge zu sehen und einiges zu verpassen.

Samstag, 08.11.2014

Das BASSart-Festival startet am Samstag so richtig durch - entsprechend eindrucksvoll und umfangreich gestaltet sich der LineUp-Dschungel für das BASSart am Samstag.

Dummerweise stellt der Samstag rein nach der Anzahl der auftretenden Künstler auch beim Sound of Munich Now den größeren Abend dar. Hier gehts zum Lineup für Sound of Munich Now am Samstag.

Viel weiter kann ich euch auch nicht helfen bei der Festival-Wahl. Meine Tendenz läge allerdings zugegebenermaßen beim Sound of Munich Now, wahrscheinlich sogar an beiden Abenden... Aber vorsicht: Ganz zuende gedacht ist das nicht, weil ich sowieso beide Festivals verpassen werde.

Vorschau: Samstag, 29.11.2014

Das darauffolgende Festival naht aber auch bereits: Das Puls-Festival 2014 (das ich hoffentlich nicht verpassen werde) wartet am 29.11.2014 mit einigen hochkarätigen internationalen Künstlern auf. Alle Infos zum Puls-Festival 2014 gibts beim dazugehörigen Facebook-Event.

Matthias Schmidt, n z Kommentieren d

Get Well Soon - 3 EPs + Video

Konstantin Gropper alias Get Well Soon ist wieder da! Heute wurde das neue Video zu Careless Whisper veröffentlicht - der Song sollte in der Originalversion von George Michael geläufig sein. Zitierwürdig ist Groppers Erklärung, wie es zu dem Cover kam:

Ich hatte mehrmals das Erlebnis, dass ich Careless Whisper irgendwo gehoert habe und immer dachte: "Was fuer ein toller Song, was für ein toller Text, was ist das?" Und dann setzte das Saxophon ein und ich dachte: "Oh, ach so…"

Hören wir doch mal rein:

An den ersten drei November-Freitagen erscheint je eine neue EPs, die ausschließlich als limitierte Editionen auf 10" Vinyl und ansonsten digital erhaeltlich sein werden. Die EP The Lufthansa Heist (out 07.11.14) entstand in Anlehnung an Musik, die Konstantin Gropper überhaupt dazu getrieben hat, selbst die Gitarre in die Hand zu nehmen und eine Band zu gründen - die EP Henry - The Infinite Desire Of Heinrich Zeppelin Alfred Von Nullmeyer (out 14.11.14) ist eine Hommage an Arnold Stadler und dessen Buch Der Tod und ich, wir zwei - die Greatest Hits EP schließlich (out 21.11.2014) widmet sich dem Thema "Gute Songs", aber von anderen, Coverversionen, fast schon Tradition im Hause Get Well Soon - auf dieser EP ist naturgemäß denn auch Careless Whisper enthalten.

Im Januar folgt eine Deutschland- und Österreichtour des Erolzheimer Musikers. Abschließend noch ein Video, diesmal zu Staying Home von der The Lufthansa Heist EP.

Matthias Schmidt, n z Kommentieren d

Musical Radicals I - Zukunft ist jetzt

Ich besuche zur Zeit ein Seminar mit dem Titel Urban Radicals, das sich mit radikalen, teils utopischen Architektur- und Städtebaufantasien von Architekten und Planern vornehmlich aus den 60er und 70er Jahren beschäftigt. Programmatisch sei hierfür das obenstehende Modellfoto zu Clusters in the Air des japanischen Metabolisten Arata Isozaki gezeigt.

In einem kurzen Referat habe ich die Musik der Zeit untersucht - und zwar entgegen dem ersten Reflex eben genau nicht die auf der zweiten Abbildung gezeigte: Die Musik der erfolgreichsten Künstler und Musicals der 60er, 70er und frühen 80er Jahre. Stattdessen muss man sich, ganz im Sinne des geflügelten Wortes Architektur sei gefrorene Musik (welches in der Regel Schopenhavuer zugeordnet wird) mit Musical Radicals beschäftigen - nur so kann man sich den Urban Radicals angemessen musikalisch nähern.

Doch dazu muss ich etwas ausholen: Beginnen wir mit dem Tonbandgerät (hier abgebildet das Braun TG60 von 1965). Das Tonbandgerät wird zwar bereits 1935 erfunden, kostet jedoch ein Schweinegeld und bleibt so vorerst nur Universitäten, Forschungseinrichtungen und großen Firmen erschwinglich. Noch in den 50er Jahren kostet ein Tonbandgerät inflationsbereinigt umgerechnet ca. 2000€ - erst in den frühen 60ern kann der Preis auf ca. 600€ gedrückt werden.
Dadurch wird zum ersten mal einfaches und bezahlbares Aufnehmen, Verzerren und Weiterbearbeiten von Musik ermöglicht.

Neue, kompaktere Schaltkreise erlauben den Konstrukteuren des Instrumentenherstellers Moog als einem der absoluten Pioniere auf diesem Gebiet die Herstellung noch kühlschrankgroßer Sequencer und Synthesizer - im Laufe der 70er Jahre gelingt die Schrumpfung auf heutige Keyboard-Größe mit dem legendären Minimoog (hier eine sehr lohnende Doku über dessen Erfindung).

Drittens: 1971 wird der erste Mikroprozessor hergestellt. Das Computerzeitalter ist damit eingeläutet. Im Laufe der 70er Jahre werden Computer immer bezahlbarer und beginnen, sich in alle Lebensbereiche hinein zu verbreiten.

In dieser Zeit des Aufbruchs wird unheimlich viel experimentiert und vielerorts ist man auf einmal der Auffassung, die Zukunft hätte bereits angefangen und ab sofort gehörten herkömmliche Instrumente ins Museum (sogar im Musikunterricht). Ich möchte empfehlen, dazu diese wunderbare, etwa einstündige BBC-Doku aus dem Jahre 1979 anzuschauen:

Hier gehts zu Teil 2, Teil 3, Teil 4 (unbedingt die ersten paar Minuten davon ansehen! Ein Computer produziert völlig autark Musik.)

In der Doku wird die Frage gestellt "Is this the music of the future?" - und die Antwort aus heutiger Sicht lautet ganz eindeutig "Yes, it is!" Zwar mag man sie als solche kaum noch erkennen, doch nahezu alle heute produzierte Musik greift auf Technologie und Ideen zurück, die von den Musical Radicals in den 60er und 70er Jahren entwickelt wurden.

Für heute möchte ich schließen mit einem Foto nicht von Daft Punk, die den "Wir sind Roboter, weil man für elektronische Musik keine Menschen braucht"-Kram entgegen häufiger Darstellung eben nicht erfunden, sondern von dem Herrn auf dem Foto, Klaus Schulze, kopiert haben. Dieser veröffentlichte 1973 sein bahnbrechendes Synthesizer-Album Cyborg (Mehr zu Klaus Schulze, samt Hörprobe) und wird mit seiner visionären Haltung für mich, ebenso wie Jean Michel Jarre mit seiner legendären Laserharfe (diese Aufnahme stammt von 1990, die Laserharfe war aber bereits ab 1981 auf Tour) zu einer Art Symbol der Musical Radicals, einer musikalischen Generation, die die Zeit der herkömmlichen Instrumente hinter sich lassen wollte, die Zukunft lebte und deren Nachwirkung auf die heutige Musik um ein vielfaches größer ist, als man auf den ersten Blick meint.

Matthias Schmidt, n z Kommentieren d