Chilly Gonzales im Guardian

Chilly Gonzales ist längst nicht mehr nur für seine Musik bekannt, ob nun solo, als Collaborator mit Daft Punk oder gemeinsam mit Boys Noize als Octave Minds. Nein, der Mann mit dem Schlaftzimmerblick und dem Faible für Halstücher ist nun auch unter die Kritiker gegangen. Und das, wie ich meine, mit Bravour.

Chilly Gonzales im Guardian

Chilly Gonzales beklagt den Tod der Akkordfolge. Foto: Alexandre Isard

Sein Artikel "Chilly Gonzales on musical tropes in 2014: when the chord progression died", der im Dezember vergangenen Jahres beim Guardian erschien, hat bei mir einen Nerv getroffen - Gonzales beschreibt hier auf leicht nachvollziehbare Art und Weise den Grund, aus dem ich die ganz große Popmusik unseres Jahrzehnts nicht verstehe:

"Remember the goosebumps you got when listening to Something by the Beatles? When the guitar answers George’s “You know I believe her now” with some harmonic sleight-of-hand? [...] That’s the sophisticated substitution of minor for major. These emotional bait-and-switches sound positively quaint and old-fashioned today.
The twists and turns of clever harmony have been replaced by sound."
- Chilly Gonzales

Den Artikel finde ich nicht zuletzt deswegen sehr lesenswert (hier nochmal der Link), weil er dabei sachlich-empirisch bleibt statt der Versuchung zu erliegen, zu einem Pamphlet der Anklage zu werden. Das hätte durchaus auch einen schönen Artikel geben können, à la "das ist doch alles Schrott, was die da machen!" - für einen Moment dachte ich denn auch, der Text drehe in diese Richtung:

"Music based on such broad strokes [...] sounds great out of a laptop speaker." - Chilly Gonzales

Aber selbst dieser Satz, der auf den ersten Blick ganz klar negativ auf mich wirkte, entpuppt sich näher bedacht als reine Observation der heutigen Zeit: Viele junge Leute haben keine große Anlage zuhause, hören dafür umso mehr Musik unterwegs, auf dem Handy oder Laptop. Statt auf die Unterkomplexität heutiger Mainstream-Musik zu schimpfen, beobachtet Gonzales schlicht, dass diese den Zeitgeist bedient und obendrein zu einem ganz natürlichen Prozess in der Musikgeschichte gehört:

"I think music is always pushing forward toward the essential – the history of music is largely a process of reduction, and it is a beautiful process to observe." - Chilly Gonzales

Das Urteil bleibt damit dem Leser überlassen - ist die heutige Popmusik zu banal für mich oder bin ich einfach zu altmodisch für diese Musik?

Ich für meinen Teil bin sehr froh, dass es sie noch gibt, die "alte", etwas komplexere Musik, die von der Platte noch besser klingt als von der mp3. Und ich zelebriere das nun, indem ich eine solche höre.

Chapeau!

Matthias Schmidt, n z Kommentieren d

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Misunderstood Bob Marley

Misunderstood Bob Marley

"Koa Oide, koa Gschrei", "No Wummen, no cry" – liegt hier ein Missverständnis vor? Die Original-Textzeile aus No Woman No Cry will nicht bedeuten, dass es ohne Frauen keine Tränen gibt.

Sie sagt keinen logischen Zusammenhang aus, sondern ist eine Anrede und Aufforderung: Nein, Frau, weine nicht!

"Good friends we have, good friends we've lost
Along the way.
In this great future, you can't forget your past
So dry your tears, I say.
No, woman, no cry,
No, woman, no cry.
'Ere, little darlin', don't shed no tears, No, woman, no cry."

Viel freundlicher, hm?

Thomas Schamann, n z 1 Kommentar d

München im post-atomaren Zeitalter

Es muss im Frühjahr 2006 gewesen sein, als die ansonsten meiner Erfahrung nach weitestgehend einwandfrei arbeitende Tür des Atomic Café mal nicht aufpasste.

München im post-atomaren Zeitalter

Die Tür des Atomic Café (Bild: Gesa Simons, Atomic Café Fotostrecke)

Das Atomic war damals gerade 9, ich 17 Jahre alt geworden - neun Jahre später kann ich mich noch sehr lebhaft an den Abend erinnern. Flankiert von zwei "Wingmen" aus den Reihen von Kafkas Orient Bazaar schaffte ich es an einem lauen Mittwoch Abend zum ersten Mal unerlaubt am gestreng dreinblickenden Türsteher vorbei ins Atomic Café.

Drin legte, wie könnte es anders sein, Sir Hannes auf, gespielt wurden unter anderem The White Stripes, Franz Ferdinand, Arcade Fire, Spoon, LCD Soundsystem, Art Brut, The Libertines und The Futureheads - das weiß ich noch so genau, weil ich mir am nächsten Tag einige Songs via Limewire raubkopieren, damit eine Atomic-Playlist anlegen und auf meinen iPod ziehen musste. Dort chillt sie nach wie vor und wartet darauf, mal wieder gespielt zu werden - vielleicht ist es ja jetzt soweit.

München im post-atomaren Zeitalter

Die Atomic Café Playlist auf meinem ollen iPod

Darauf folgten einige Reinfälle - wie gesagt, die Tür machte einen guten Job - und ein Jahr später dann sehr regelmäßige Besuche, gern zum Britwoch aber vor allem zu den vielen wirklich sensationellen Konzerten, die dort in intimer Atmosphäre stattfanden.

Um unter dutzenden besuchter Konzerte im Atomic Café nur ein paar zu nennen, die ich auf Tapefruit verarbeitet habe: Junip, Menomena oder Casiokids habe ich mir zum Beispiel dort angehört, ein Interview mit den Crystal Fighters geführt, die Wombats (die im April mit neuem Album Glitterbug rauskommen) hätte ich 2010 gern gesehen, das Konzert fiel dann leider ersatzlos aus...

Seit Anfang des Jahres nun ist das Atomic Café endgültig geschlossen, dieses wirklich und wahrhaftig kostbare Stück Münchner Kultur. München tritt in das post-atomare Zeitalter ein, sogar der Fallout-Schnee ist schon wieder geschmolzen.

Die Abrissbilder sind herzzerreißend traurig, haben aber gleichzeitig eine seltsam hypnotische Wirkung auf mich - ich gerate bei der Betrachtung sofort ins Schwelgen...

München im post-atomaren Zeitalter

Kürzlich habe ich noch genau hier getanzt... Bild: Christian Heine

Wollen wir nun unseren Blick auf die Zukunft wenden. Was wird uns vom Atomic Café erhalten bleiben? Was wird aus seiner Asche neu entstehen?

Im Gespräch mit den beiden Atomic-Besitzern Christian Heine und Roland Schunk sowie einigen der Resident DJs erhält man erste Antworten:

Christian Heine ist voller Tatendrang. Die über die Jahre geknüpften Kontakte möchte er nicht verschwenden, darum hat der die Konzertagentur Constant Mesh gegründet, Bookings für The Wombats (27.03.2015, Tonhalle, wer weiß, villeicht kommen wir ja diesmal zusammen) und Sleaford Mods (28.04.2015, Milla) liegen schon vor. Ausserdem wird an einem Nachfolger des Britwoch gefeilt, der erste Gift Shop - Indiepop till you drop mit Bavarian Mobile Disco findet am 4. Februar statt. Und irgendwie tät ihn ein neuer Laden dann doch auch wieder jucken - diesmal aber kein Nachtclub sondern wohl eher eine Tagesbar.

München im post-atomaren Zeitalter

Roland Schunk und Christian Heine bei der symbolischen Schlüsselübergabe

Roland Schunk lässt die Sache etwas gemütlicher angehen - wenn alles klappt, soll 2015 erst mal ein Babyjahr werden, gelegentlich wird er aber wohl seine Vinylsammlung hervorzaubern und irgendwo in München zum Besten geben. Der Musikbranche bleibt auch er auf jeden Fall treu.

In einigen neu auftauchenden Partyformaten kann man ehemalige Atomic Café-Reihen erkennen, Let's go in '69, vorgestern zum ersten Mal in der UnhaltBAR gestiegen, folgt auf Deeper Shade, the smart club. bleibt gar beim gleichen Namen und zieht mit Innocent Boys und Phillinger ins Muffatcafé. Und dann gab es ja gestern auch noch Friday I'm in Love mit Team Trouble im m.c. mueller...
Musikalisch bleibt uns also Einiges erhalten.

Am Großteil der legendären Einrichtung des Atomic Café erfreuen sich heute die Privathaushalte der beiden Besitzer und einiger langjähriger Gefährten. Aber auch das BieBie, das neue Projekt von Zwischennutzerin Zehra Spindler (Puerto Giesing und Art Babel sollten ein Begriff sein) in Freimann hat einige Sitzgelegenheiten geerbt - mehr zum BieBie folgt in den nächsten Wochen!

Zu guter Letzt sei noch ein schönes Projekt erwähnt: Heike Schuffenhauer und Marc Seibold finanzieren gerade per Crowdfunding auf startnext einen Dokumentarfilm über das Atomic Café. Schauen Sie rein, noch wird Geld gebraucht.

Matthias Schmidt, n z 2 Kommentare d