Freud und Leid des Zwischennutzers

Verwaltung, Bürger (Benutzer/Bewohner), Politik, Eigentümer, Investoren, und Betreiber – als Beispiel wie es sich in diesem Teich schwimmt möge unser Gespräch mit der Zwischennutzerin Zehra Spindler dienen. Sie äußerte sich letzte Woche in der Kantine ihres neuen Projekts BieBie (mehr Infos in unserem BieBie-Spezial) gemischtgefühlig. 'Wie kommt es im Normalfall zu einer Zwischennutzung?' fragte Tapefruit, und trat damit den Themen-Block los.

Freud und Leid des Zwischennutzers

Zehra Spindlers neue Zwischennutzung BieBie bietet ab Mai erste Veranstaltungen

"Die Wege zu einer Zwischennutzung können sehr unterschiedlich aussehen", so Spindler, "beginnen aber oft mit Klinkenputzen bei Bauherren". Das Unverständnis für das Vorhaben Zwischennutzung nehme hierbei, ungeachtet einer enormen Menge harter, seriöser Arbeit, verschiedenste Formen an: Von Nicht-Ernst-Nehmen über Skepsis bis zu Pfui-Deibl. Belastend sei die Schizophrenie der Wahrnehmung: Einerseits werde der Zwischennutzer gern "über den Klee gelobt" und (durchaus international) zum Liebling der Feuilletons – andererseits hafte ihm auch stets das Image des "links-autonomen Hedonisten" und Schmuddelkinds an.

München sei zwar beileibe nicht so spießig, wie mancher gern kundtut – aber dem NIMBYism eben doch sehr zugetan: Prinzipiell werde gern Offenheit gegenüber allem Möglichen proklamiert, sobald aber ein Pflasterstein im eigenen Viertel bewegt oder zu laut gelacht wird meldeten sich die ersten Bedenkenträger – eine Problematik, die eben nicht nur auf Stromtrassen und Landebahnen zutrifft, sondern auch bei Kultur und Gastronomie einschlägt.

Zu den Playern Politik und Verwaltung äußert sich Spindler positiv: Ihr Plan für das BieBie sei parteienübergreifend willkommen geheißen worden, sie erfreue sich der Unterstüzung von Bezirksausschuss und Lokalbaukommission. Ein Spaziergang sei das Ganze trotzdem nicht: Zum Genehmigungsverfahren erklärt Spindler, ein sauber durchgeführtes Verfahren (und die Durchführung solcher attestiert sie der Stadtverwaltung) dauere nun mal einige Zeit. Das sei nur verständlich und letztendlich auch richtig so - dadurch werde das Warten auf Zustimmung oder Widerspruch aber nicht angenehmer.

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Akteure der Zwischennutzung (nach Urban Catalyst)

Im konkreten Fall ihres neuen Projekts BieBie, das im Gebäude der schließenden Graphischen Betriebe Biering in Freimann Platz gefunden hat, sei das Verfahren mit etwa vier Monaten deutlich länger ausgefallen als 2010 bei der eine ehemaligen Hertie-Filiale Puerto Giesing. [Endgültig durch war das Genehmigungsverfahren am 08.04. - wir berichteten - zum Glück ist es positiv ausgefallen. Wäre es anders gekommen hätte dies das Ende fürs BieBie und eine "schwere Schramme im Ego" für Spindler bedeutet.] Die Dauer des Verfahrens sei jedoch folgenden Umständen geschuldet, angesichts derer Zehra Spindler am Verfahrenstempo nichts bemängeln möchte:

  • Einer der schwierigsten Aspekte von Um- oder Zwischennutzung sei die (temporäre) Änderung der Gebäudenutzung – dabei sei es einleuchtenderweise deutlich einfacher, ein Kaufhaus, das bereits für knapp 2000 Shopping-Gäste zugelassen ist, zu einem Veranstaltungsort für eine ähnliche Anzahl Ausstellungs- und Partygänger umzuwidmen als eine Druckerei, die bisher 200 Mitarbeiter beschäftigte.
  • Je nach Viertel sei eine Genehmigung zudem leichter oder schwieriger zu erreichen – gerade in einem ruhigeren, stadtrandnäheren Viertel wie Freimann dauere das Verfahren daher länger als im quirligen Giesing.
  • Daneben sei die Nutzfläche des BieBie mehr als doppelt so groß wie diejenige des Puerto Giesing.
  • Zusätzlich seien die Behörden tatsächlich über beide Ohren mit der bekanntermaßen angespannten Asyl-Situation in der Stadt beschäftigt. Es wirke geradezu kafkaesk, unter welchen Aktenbergen mancher Schreibtisch begraben sei.
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Blick in die große BieBie-Halle (mehr Infos)

In Sachen Investoren/Bauherren/Eigentümer gebe es inzwischen vereinzelte Lichtblicke: Sei das eingangs erwähnte "Klinkenputzen" bis vor Kurzem noch gang und gäbe gewesen, suchten auch sie mittlerweile ("noch sehr vereinzelt, aber immerhin") Kontakt zu Zwischennutzern, wie das Beispiel des BieBie illustriert.

Von Stadt und Eigentümern zum Tausendgesicht Bürger: Das Projekt BieBie liegt in einem vom Flächennutzungsplan als Mischgebiet ausgewiesenen Bereich direkt an der Freisinger Landstraße, einer Ausfallstraße, deren 70-80dB Verkehrslärm einem Presslufthammer Konkurrenz machen kann. Der Clubraum des BieBie wird im Moment mit verschiedenen Maßnahmen optimiert, um möglichst wenig Schall nach außen zu tragen. Trotzdem müsse die Stadt sich ihrer Sache sicher sein, bevor sie eine Genehmigung erteilen könne.

Generell graust es Spindler vor ihrem Eindruck, aus zunehmender Sorge vor Beschwerden und Klagen werde vielleicht bald nur noch auf Zehenspitzen durch die Stadt gelaufen. ("Darüber hat sich der Ude schon wortreich beklagt: Die Leute wollen gute Straßenverhältnisse, aber wehe es wird vor der Haustür gebaut. Er meinte, dass er genervt ist, erstmal einen Berg sinnloser Beschwerden abarbeiten zu müssen, bevor er sich ans Eigentliche machen kann: Sein Tagesgeschäft.")

Bürgergewicht ist nicht nur eine Frage der Funktionalität - doch spielt dieser Aspekt eine gewisse Rolle: Wasser auf die Mühlen oder Sandstrand im Getriebe? "Bürgerbeteiligung" sei zweischneidig, das möchte Zehra Spindler betonen: Einerseits potentiell ergiebig und grundsätzlich richtig, andererseits auch problematisch. Sie führt als Positivbeispiel die Ausstellung zum Architekturwettbewerb in der Bayernkaserne an, die vor Kurzem in der BieBie Kantine stattfand und die Reaktionen der Besucher, für die sich auch die LBK sehr interessiert habe. Das Problem: Auch die Hobbies "Meckern" und "Beschwerden Verfassen" bekämen Auftrieb, die Leute gingen zum Teil unverantwortlich mit ihrem Gewicht um. Eine Idee könne noch so viele Fürsprecher haben – die Gegner schreien immer lauter.

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Eröffnung der Ausstellung "Bayernkaserne" Foto: BieBie

Besonders wichtig sei daher eine gute, fundierte Moderation - in Sachen Kulturpolitik habe sich zum Beispiel das Münchner Forum etabliert, das "auf eine sehr konstruktive, teils spielerische Art" selbst durch schwierige Diskussionen zu führen wisse. Für Zehra Spindler ein "Vorzeigeprojekt".

Die Beschwerde-erfahrene Akteurin ist mit den Jahren zu der Einstellung gekommen, Probleme, wenn irgend möglich, persönlich zu regeln. Das sei produktiver, schneller, und habe obendrein den positiven Effekt, dass die Stadt nicht in der Bearbeitung unnötiger Verfahren zu Nachbarschaftswehwehchen versinke.*

Soweit stehen fürs BieBie die Zeichen gut. Auf der Facebook-Seite stand letzte Woche zu lesen: "Danke, nicht nur für den herzlichen Empfang in Freimann, sondern auch für die Unterstützung, die wir seit Dezember durch unsere Nachbarn (die uns ihre aktive Hilfe angeboten haben) und den Bezirksausschuss Schwabing-Freimann erfahren dürfen. Allen voran Petra und Werner Lederer-Piloty!"

*Eine für uns unerwartet schöne Anekdote von vor ein paar Jahren: Ein Paar ruft an und meint Tut uns Leid, wir wollen nicht die Feier verderben, aber bei uns hört man den Bass so laut, wir können nicht schlafen und müssen morgen früh in die Arbeit. Spindler sagt "Ok! Verstehe", geht zu den DJs mit der Ansage den Bass neu zu regeln, und am nächsten Tag steht als Dankeschön eine Sonnenblume vor der Tür.


Update:

Während wir tippen, erreicht uns die Neuigkeit, dass heute Nachmittag ein runder Tisch mit Zehra Spindler, Stadtbaurätin Elisabeth Merk und Cornelius Mager, Chef der Lokalbaukommission, stattfinden soll.

Gemeinsam will man einen Leitfaden entwickeln, um den Weg zu einem Zwischennutzungsprojekt in München künftig für alle Seiten einfacher und transparenter zu gestalten. Das könnte ein wichtiger Schritt zu mehr kultureller Vielfalt in der Landeshauptstadt sein.


Interview und Bericht: Co-Produktion Schamann + Schmidt.

Anhang:

"Bürgerbeteiligung" stellen wir bewusst in Anführungsstriche, weil es sich um einen perspektivisch verzerrten, dialektischen Kampfbegriff handelt (Bürger vs. Bestimmer), der eigentlich mindestens in Bürgerschaft, Pressure Group, Privatwirtschaft, Verwaltung und Politik und deren jeweilige Beziehungen zueinander aufgebrochen werden müsste.

Das Thema Großprojekte haben wir aus diesem Artikel herausgehalten, weil es nicht auf Tapefruit passt. Dennoch ist es verwandt, insofern sich hier ebenfalls die Tausendschneidigkeit von Durchlässigkeit zeigt. Von Olympia bis Startbahn: Die Süddeutsche Zeitung hat kürzlich deutschlandweit Bürger zwischen Beteiligung und Blockade gesehen.

In dem Zusammenhang sei auf den prototypische Städtebau Philosophie-Kampf der Moderne verwiesen: Der in New York ausgetragene Streit zwischen dem Mega-Projekt-Städtebau-Gott Robert Moses ("Those who can, build. Those who can't, criticize." und: "[...] [W]hen you operate in an overbuilt metropolis, you have to hack your way with a meat ax ") und der Bürgeraktivistin Jane Jacobs ("Cities have the capability of providing something for everybody, only because, and only when, they are created by everybody."): Vogelperspektive vs. Straßenperspektive, Macher vs. Kollektiv.

Buchempfehlung: Marshall Berman - All that is Solid Melts into Air: the Experience of Modernity, New York 1983

Außerdem dieser heute-show Beitrag zum Bahnhof Stuttgart 21

Matthias Schmidt, n z Kommentieren d

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Tess Parks, Anton Newcombe, Soko, Brian Jonestown Massacre, Joel Gion

Ungefähr ein Jahr ist rum, seit das überragende BJM Album Revelation erschienen ist - ein emsiges Jahr. Hier einige Produktionen aus dem erweiterten Kreis, die seitdem erschienen sind oder demnächst erscheinen werden, und ein wichtiger Konzert-Termin für München.

Joel Gion hat eine Band zusammengestellt und letzten Sommer das Album Apple Bonkers veröffentlicht.

Anton Newcombe veröffentlicht nach wie vor rege work-in-progress Stücke auf Youtube.

Außerdem kommt am 27. April ein neues Brian Jonestown Massacre Album, Musique De Film Imaginé. Soko und Asia Argento haben darauf gesungen, die Musik ist laut BJM-Kanal "created by Anton Newcombe on behalf of the Brian Jonestown Massacre for an imaginary French film". Die zugehörigen Filmbilder soll das Hörerhirn schaffen.

Und: Anton Newcombe arbeitet seit einiger Zeit mit Tess Parks zusammen, die ein tolles Album namens Blood Hot hat, und unlängst als Vorgruppe von The Jesus and Mary Chain gespielt hat.

Produkte der Verbindung sind ebenfalls auf Youtube zu hören.

Achtung: Tess Parks & Anton Newcombe kommen am 3.Juli nach München ins Strom!

Tess Parks, Anton Newcombe, Soko, Brian Jonestwon Massacre, Joel Gion

Thomas Schamann, n z Kommentieren d

15 Jahre Gomma - neue Compilation Pop Futuro out now

Gomma, nach wie vor eines der innovativsten Elektronik-Labels aus Deutschland, feiert 15. Geburtstag. Label-Gründer und -Kopf Mathias "Munk" Modica (den wir 2011 interviewt haben - auch schon wieder 4 Jahre her...) hat zum Jubiläum eine Compilation mit 13 heißen Tracks von alten Bekannten, langjährigen Wegbegleitern und neuen Gesichtern zusammengestellt.

15 Jahre Gomma - neue Compilation Pop Futuro out now

Pop Futuro heißt die Pladde, sie kann bei Gomma angehört oder bei Beatport erworben werden. Wer bei Genuß der Platte die Füße ruhig halten kann, hat entweder was auf den Ohren oder ein motorisches Problem - die 13 elektronisch produzierten Nummern zwischen Pop und Disko machen ordentlich Laune.

Im Schnelldurchlauf: Die Newcomer Junior & Baumon, eine Koop aus Schweiz, Deutschland und USA, liefern den ersten Song Don't Listen Much, Rhodes treffen auf Four-To-The-Floor und schöne Vocals. Hinter The Deadstock 33s steckt der englische DJ und Produzent Justin Robertson - der Track Underneath The Pines gibt ziemlich Gas, die Synth-Spur ist etwas gewöhnungsbedürftig.

Mit On My Own der schwedisch-deutschen Hotlane schaltet die Compilation wieder einen Gang runter, verträumt-melancholische Vocals über treibendem Beat. Schön. Nick McCarthy kennen die meisten in erster Linie als Gitarristen von Franz Ferdinand - unter dem Pseudonym Box Codax rearrangiert er zusammen mit Metronomy deren Song Naked Smile im Dreivierteltakt.

Darauf folgt mit Darkest Night eine fröhliche Dance-Nummer mit Xylophonklängen von Moullinex aus Portugal und Candlelight von Mercury feat. Robert Owens - eine House-Ballade mit warmem Beat. Natürlich darf der Arrangeur selbst nicht fehlen: Munk feat. Lizzie Paige (München + Wahl-Berlin|gebürtig Austin/TX) steuern Deceiver, einen meiner Favoriten vom aktuellen Munk-Album Chanson 3000 bei. Ein Basslastiger Loop mit knackigem Beat und eine zuckersüße Stimme. Mehr brauchts nicht.

Nochmal The Deadstock 33s, diesmal in Begleitung von Daniel Avery - ein Brett von Track mit fettem Bass-Synth. Es schließt sich eine funky Diskonummer an - wie zu erwarten, wenn die Briten Hot Chip die Dänen WhoMadeWho covern.

Hier wechseln wir mit The Barking Dogs & Marcelo Burlon ins Stammland Munks, nach Italien: Die Dogs stammen aus Mailand, dort lebt auch Burlon, der den spanischen Text für Mamarracho aus seinem Geburtsland Argentinien mitgebracht haben dürfte. Nancy Whang & Bonar Bradberry covern virtuos Donna Summers Disko-Hit Working the Midnight Shift - wenn man das so macht, kann man das machen.

Daniel Averys Remix von Munks Kitchen Call gehört zu meinen Lieblingen auf der Compilation - der hypnotische Song mit den schwurbeligen Vocoder-Lyrics hätte sich auf dem Soundtrack zu Drive nicht unwohl gefühlt, denk ich. Den Abschluss dürfen drei Italiener besorgen: Esperanza feat. Banjo Or Freak Out beginnt mit Akkkustikgitarre, es folgt ein spartanisch eingerichteter, langsamer Beat und ephemere Vocals. Der warme Bass setzt vergleichsweise spät ein - dann stürzt das ganze in einen von Synths gefüllten Break zusammen, nur um gleich wieder in voller Blüte aufzuerstehen. Gleich noch ein Favorit auf der Compilation.

Spitzen-Compilation. Spitzen-Label. Wenns in fünfzehn Jahren wieder so ein Geschenk zum Jubiläum gibt, dann weiß ich schon, worauf ich mich freuen kann.

Matthias Schmidt, n z Kommentieren d