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  3. ELA ORLEANS - Tumult In CloudsELA ORLEANS - Tumult In Clouds
  4. Tom Misch - Man Like YouTom Misch - Man Like You

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  1. Yellow Days - A Little WhileYellow Days - A Little While
  2. Tatran - EyesTatran - Eyes
  3. Bowery Electric - Slow ThrillsBowery Electric - Slow Thrills
  4. Kurt Vile - Pretty PimpinKurt Vile - Pretty Pimpin

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Da war doch was

Alt+Giesinger++davor

"Das Temporäre Archiv der Gegenwart ist eine zeitlich beschränkte, unkommerzielle, altruistische Kunstaktion, die von einem Künstlerkollektiv aus dem Umfeld der AdBK und LMU München initiiert wurde. Während das Kollektiv die Infrastruktur bereitstellt, wird der ehemalige Gastraum von Künstlern, Musikern, Literaten, Schauspielern und Besuchern genutzt und erfährt dadurch eine graduelle Transformation vom Gastraum hin zum Kunstraum. Ebenso vielfältig wie die genreübergreifenden, kostenfreien und fast täglich statt­findenden Einzelprojekte sind es die Besucher, die den Charakter dieses Ortes von einer ehemaligen gemeinen Kneipe, oder Boaz'n zu einer Sozialen Plastik werden lassen.

Im Gegensatz zu einem rein formal ästhetischen Kunstbegriff umfasst die Soziale Plastik jegliche kreative menschliche Tätigkeit, wie z.B. das entwickeln von sozialen gesell­schaftlichen Strukturen. Nach Joseph Beuys ist dies ein kontinuierlicher kreativer Prozess, der es jedem einzelnen erlaubt gesellschaftsverändernd aktiv zu sein. Kunst ist seitdem nicht mehr nur auf materielle Artefakte beschränkt, die in einem Museum oder einer Galerie ausgestellt werden, sondern auf die gesamte Gesellschaft ausgeweitet, in welcher die Kunst ihren Platz einnehmen muss, um den Menschen diese kreativen Prozesse bewusst zu machen.

Wir und auch unsere Besucher/Mitwirkenden begreifen diesen transformierten Ort der ehemaligen Gaststätte Alt Giesing deshalb weder als Kneipe/Boaz'n, oder auch Event-/Vergnügungs­stätte, sondern vielmehr als ein Ort, an dem sich verschiedenste Subkulturen und Gesellschafts­schichten der Stadt begegnen und austauschen können. Ein Ort, an dem sich selbstbestimmt gesellschaftliche Strukturen entwickeln, sich Netzwerke neu knüpfen und auf diese Weise erweitern, sich gegenseitig inspirieren.

Ziel des Temporären Archiv der Gegenwart ist es diese Prozesse in Bild, Ton und Text festzuhalten, um sie anschließend im Rahmen des VistVunk Verlags - ein von der Stadt München geförderter non-Profit Künstlerbuchverlag - zu publizieren."

Temporäres Archiv der Gegenwart

So lautet der einführende und damit erste Text auf der Homepage des Temporären Archivs der Gegenwart. Aber was war da eigentlich los in Giesing im Jahre 2015?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, habe ich mich im Dezember letzten Jahres mit Ray, Melissa und Chris (drei der Mitwirkenden und Mitbegründer des T. A. G.) in einer haidhauser Wohnung getroffen und mit ihnen über das, was in drei Monaten in den Gefilden der Alt Giesinger Kneipe passiert ist, gesprochen. Das ganze fand in angenehm ungezwungener Atmosphäre statt.

Da war doch was

Auszug aus dem Interview:

TF: Also, ihr habt da die Räumlichkeiten dieser ehemaligen Kneipe (Alt Giesinger) mit Interieur zur Verfügung gestellt bekommen für einen gewissen Zeitraum, wie lang war das?
Ray: Genau, drei Monate insgesamt. Erst sollte es eigentlich nur ein Monat sein, aber nachdem wir gemerkt hatten, dass es uns tatsächlich Spaß macht und den Leuten um uns herum auch, haben wir dann drei Monate daraus gemacht. Mit einer kleinen Unterbrechung von 10 Tagen.

TF: In welchen Monaten fand das statt?
Ray: Der Anfang ist ein bisschen verschwommen, das Ende war am 30. September 2015. Juli, August, September.

Kurzzeitige Verwirrung macht sich breit, verliert sich aber in der Einigkeit bezüglich des Anfangsmonats.

Ray: Für uns hat's ja schon früher angefangen, weil wir uns bereits davor getroffen und uns besprochen haben. Ob so etwas überhaupt funktioniert, notwendig ist und angenommen wird.

TF: Ihr hattet eigentlich für nichts eine Konzession, oder?
Ray: Nö, weil wir auch keine Kneipe geführt haben. Es ging nicht um Profitgewinn, es ging nicht darum, damit Geld zu machen und davon zu leben. War aber nicht minder anstrengend, deswegen war diese große Gruppe auch nötig. Wir waren ca. zehn, elf Personen, das hat variiert. Eine Kneipe ist ein Vollzeitgeschäft.

TF: Aber wir wissen ja jetzt, dass ihr gar keine Kneipe geführt habt. Ihr habt letztlich eine Bühne eingebaut und diese zur Verfügung gestellt.
Ray: Eigentlich war es eine Art performative Plastik.

Eine soziale Plastik

Eine soziale Plastik

TF: Was hattet ihr für Publikum dort?
Ray: Am Anfang war es viel Laufpublikum, Leute die durch's offene Fenster geschaut haben. Es waren die heißesten Monate des Jahres und wir konnten Fenster und Türen aufmachen.

TF: Waren das Menschen, die dort leben und das "Alt Giesinger" bereits kannten?
Ray: Ja, da gab es einige von.

TF: Wie hat sich euer Programm zusammen gestellt?
Ray: Einer von uns aus der Gruppe, der selbst Punk Musik macht, hat uns die Szene bisschen näher gebracht. Ansonsten gab es einen Kalender, in den konnte man sich eintragen. Es war sehr bunt gemischt, von Lese- bis zu Videoabenden, der Arbeiter Kino Klub war z.B. bei uns. Wir hatten [fast; Anm. d. Red.] alle Musikrichtungen dort, haben zu keinem "Nein" gesagt. Ausser zu den Rechten.

TF: Wie war es so mit Lautstärke, wie sehr wart ihr betroffen davon dass ihr zu laut wart?
Ray: Das hast du nett gesagt, betroffen. Ja, manche Abende waren laut. Der Eröffnungsabend ging lang, bis ungefähr drei Uhr nachts gab es laute, harte Musik.

TF: War nicht auch die Polizei sowie das Baureferat involviert?
Chris: Die Drohung stand im Raum, dass das Baureferat eingeschaltet wird.

TF: Dass die kommen und was tun?
Ray: Den Laden dicht machen.
Chris: Es gab explizit die Ansage in einem Telefonat oder Brief, weiss ich nicht mehr genau... Da hieß es "wenn noch eine Ruhestörung kommt, dann schicken wir das Baureferat."
Melissa: Das war der Moment, wo wir dann erst mal zugemacht haben, um auszuloten wie wir das weiter machen können, mit den ganzen Einschränkungen. Das gab große Diskussionen in der Gruppe, ob wir das Projekt weiter führen.

T.K.Y @ T.A.G

The Kotelett Yard @ T.A.G.

TF: Welche Bands sind bei euch aufgetreten?
Ray: Dafür muss ich mal die Kiste holen

Es wird eine Plastikkiste mit Tonträgern geholt.

TF: Du hast hier Platten, CDs, Kassetten von Bands, die bei euch aufgetreten sind.
Ray: Zum Beispiel eine VistVunk Records CD, die auch in der Milla gespielt haben. Schöner kleiner Verlag, der eine künstlerische Buchreihe und Experimentelle Musik raus bringt. Das hier finde ich übrigens sehr schön, Kläranlage...

TF: Das ist eine Kassette mit dem Sticker drauf "parental advisory - explicit content". Klingt für mich nach Punk.
Ray: Ist es auch, eine junger Münchner Punkband.

TF: Die Titel der Lieder sind dann z. B. "Scheisse", "Pisse", "Kotze" und "Scheiss Hippies".


TF: Ihr hatte viel Punk da?
Ray: Ja, hatten wir. Wer mir persönlich gut gefallen hat, war Start A Riot. Wahnsinnig gute Energie als Liveband. Die sind mir sehr gut in Erinnerung geblieben.

TF: Kamen alle Bands aus München?
Ray: Nein, wir hatten auch eine israelische Punkband da, die auf Europatour war und dann noch sehr lecker in unserer Küche gekocht hat. Die Bands haben bei uns Verpflegung bekommen, zum saufen und konnten spielen - wir hatten die Freude dass sie bei uns waren.

TF: Katie Smokers Wedding Party.
Ray: Genau, eine eher bekannte Münchner Band, die keinen Punk macht.

TF: "Kollateralschaden", klingt auch nach Punk, nein?
Ray: Doch, doch.

TF: "Das Weisse Pferd" waren auch bei euch.
Ray: Die haben um sieben in der Früh gespielt.

Melissa: An diesem besagten Samstag, der gefährliche Samstag...

TF: Auf der kleinen Bühne?
Ray: Nee, eigentlich nicht, die waren tatsächlich im gesamten Lokal verteilt. Im gesamten Projektraum, Entschuldigung. Die Idee war, der Ruhestörung zu entkommen und um sieben Uhr in der Früh darf man laute Bandmusik spielen.

TF: War Hans Platzgummer auch da?
Ray: Das ist eine gute Frage.

TF: Warst du da?
Ray: Ich war da. Das war ganz nett, ich habe noch 20 Brezn gekauft und verteilt. Die haben ein gutes Konzert gegeben, es war grossartig. Es kamen auch Leute, wir dachten die meisten wären zu faul, aber so irrt man sich. Der Musikliebhaber kommt auch morgens um sieben.

Dizzy Errol @ Temporäres Archiv der Gegenwart

Dizzy Errol @ T.A.G.

TF: Kamen die Leute aus dem Club oder aus dem Bett?
Ray: Manche kamen auch zufällig vorbei. Das morgens war schon sehr schön. Alle ein bisschen genervt, weil's ja in der Früh ist und man so früh aus dem Bett muss. Oder noch nicht im Bett war. Es gab auch Streit mit einem Nachbarn, war klar, wenn um sieben Uhr morgens nebenan eine Band röhrt. Da würde ich mich auch drüber aufregen. Aber der Gesetzgeber sagt, man darf das.

TF: Habt ihr Werbung gemacht?
Ray: Eigentlich nicht.

TF: Es gab aber dennoch eine gewisse Aufmerksamkeit, auch einen Artikel in der SZ.
Ray: Ja, das hatte sich alles so entwickelt. Scheinbar braucht unsere Zeit so etwas wieder, die Leute freuen sich darüber.

TF: Über den Punk, den ihr veranstaltet habt, hattet ihr auch Berührung mit der Polizei.
Ray: Ja und wir wurden zeitweise sogar der Rechten Szene zugeordnet. Gefilmt hat man uns auch.

TF: Leute wurden kontrolliert.
Ray: Es gab eine Wohnungsdurchsuchung und die Durchsuchung des Projektraums/"Alt Giesinger". Aber das Verfahren wurde eingestellt. Wenn ich jetzt so drüber nachdenke, scheint auch Schikane dabei gewesen zu sein.

TF: Wie kam die Polizei zu der Annahme dass ihr zum Rechten Spektrum dazu gehört, meines Erachtens ging es um ein Plakat?
Ray: Ja, um ein Plakat: "Punx Party - 1,50 alles - Alt Giesinger". Die "s" waren etwas zackig geschrieben und das wurde uns als Siegrune ausgelegt. Nazisymbolik.

TF: Ich verstehe.

Wir lachen.

Melissa: Das Giesinger war ein kommunikativer Raum, wo Menschen sich begegnet sind. Ich glaube wirklich, dass das einer der Punkte war, den die Leute am T. A. G. (Temporäres Archiv der Gegenwart; Anm. d. Red.) geschätzt haben. Was ich in München sehr schade finde, ist dass man meist in seiner Gruppe bleibt.

Ray: Das war ein Projekt um rauszufinden, was notwendig ist und was nicht. Der Laden war ja nicht nur zugeschmiert, es standen auch Objekte und Skulpturen darin.

Da war doch was

TF: Stimmt, ihr hattet auch Ausstellungen.
Ray: Ja, verschiedene, an denen viele Künstler teil genommen haben.
Chris: Der ganze Laden war eine Ausstellung. Die Tische wurden zu Kunstwerken, alles Holz war bearbeitet, alles war bemalt und beschmiert.
Ray: Aus der Theke ist ein grosser Holzschnitt entstanden und aus den alten Biertanks der Kneipe auch ein Objekt.
Chris: Auch interessant ist, dass alle Altersklassen vorhanden waren.
Ray: Im Nachhinein war es sehr schön und anstrengend, wie viele Dinge sind.


altgiesinger.de


Raoul Bogie

Autor: Raoul Bogie

bogie@tapefruit.com
Redaktion

Raoul Bogie ist Initiator des Musik und Künstler Kollektivs the kotelett yard und produziert unter dem Alias ishUse schwer erkennbare Geräusche. Mit Bass drumherum.



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